Seit 1977 werden in der Goseburgstraße in Lüneburg Getränke abgefüllt. Heute ist der Betrieb Arbeitgeber für 200 Menschen und wichtiger Auftraggeber in der Region. Der Blick zurück auf 40 Jahre Coca-Cola in Lüneburg zeigt die spannende Geschichte des Standorts.

Der Aufbruch in die Dosenära

Am 7. Februar 1977 gründeten 16 norddeutsche Coca-Cola Konzessionäre die Nord-Zentra Erfrischungsgetränke GmbH & Co. Sie wollten gemeinsam eine Dosenabfüllfabrik errichten. Nach dem Durchbruch der Getränkedose in Deutschland war die Verpackung ständig weiterentwickelt worden. Sie wurde leichter, handlicher und so zum Inbegriff eines modernen Lebensstils. „Anfang der 80er-Jahre wurde nahezu jedes kohlensäurehaltige Getränk in der Dose angeboten“, erinnert sich Betriebsratsvorsitzender Martin Lütge, damals Linienführer.

Diese weiter steigende Nachfrage sahen auch die Konzessionäre. Noch im Frühjahr 1977 erwarben sie das Grundstück einer ehemaligen Holzfabrik in der Lüneburger Goseburgstraße. In der Rekordzeit von nur fünf Monaten wurden das 43.000 Quadratmeter große Gelände und die bestehenden Gebäude für die Getränkeproduktion umgebaut und eine hochmoderne Dosenlinie installiert. Bereits im Dezember 1977 wurden die ersten Getränkedosen abgefüllt.

Konzessionär Max Schmeling bei Coca-Cola in Lüneburg, 1977
BEI DER offiziellen Einweihung der Lüneburger Dosenabfüllfabrik war auch Boxlegende Max Schmeling dabei, damals Coca-Cola Konzessionär in Hamburg

Insgesamt 14 Millionen Euro flossen in den Umbau. Dabei hat Coca-Cola schon damals auf das Know-how von Firmen aus der Region vertraut. 39 Lüneburger Unternehmen waren unter anderem für Maurer-, Tischler-, Elektro- und Malerarbeiten beteiligt. „Diesem Prinzip sind wir hier in den vergangenen vier Jahrzehnten treu geblieben“, weiß Thorsten Kiehn, heute Betriebsleiter. „Allein in den letzten drei Jahren wurden Aufträge an Dienstleister und Lieferanten aus der Region im Umfang von neun Millionen Euro vergeben. Mit einigen Partnern der ersten Stunde arbeiten wir auch heute noch zusammen.“

Umbau zur Abfüllhalle: Coca-Cola Standort Lüneburg, 1977
BEIM UMBAU zur Abfüllhalle mussten die Böden der ehemaligen Holzfabrik komplett erneuert werden.

Der Erfolg bringt Wachstum, Arbeitsplätze und weitere Investitionen in Millionenhöhe

1980, drei Jahre nach dem Produktionsstart in Lüneburg, meldete die Nord-Zentra einen zweistelligen Millionenumsatz. Der Absatz von Coca-Cola Erfrischungsgetränken steigt kontinuierlich und der Standort Lüneburg wird nach und nach weiter ausgebaut. Der Dosenlinie folgen eine Glaslinie und mehrere sogenannte Tetralinien, auf denen in den 80er-Jahren unter anderem die kohlensäurefreie Fanta still abgefüllt wird. 1988 wird die Dosenanlage durch eine leistungsfähigere ersetzt. Bis zu 120.000 Dosen pro Stunde können nun produziert werden.

Produktion von Fanta in Lüneburg, 80er Jahre
EIN PRODUKT der 80er Jahre: Fanta still im Tetrapack.

Rund 110 Mitarbeiter arbeiten in den 90er-Jahren am Coca-Cola Standort in Lüneburg – doppelt so viele wie zu Beginn. „Und das, abgesehen von der Produktionstechnik, nahezu ohne technische Hilfmittel“, betont Martin Lütge. „Die Linienleistung wurde damals handschriftlich auf einem DIN-A4-Blatt erfasst. Wichtige Informationen wurden nicht per Mobiltelefon, sondern mit lauten Rufen durch die Produktionshalle ausgetauscht. Das wäre heute undenkbar.“

Die erste umfassende Modernisierungswelle begann zur Jahrtausendwende und führte am Ende auch zur Ausstattung mit moderner Computertechnik. Erneut investierte Coca-Cola einen zweistelligen Millionenbetrag, unter anderem für eine zusätzliche Abfüllanlage, den Umbau der Wasseraufbereitungssysteme und die Sanierung des Sirupraumes. Der Standort gehörte wieder zu den modernsten in Deutschland. Im Jahr 2002 wurden in Lüneburg rund 249 Millionen Liter Getränke in Dosen und PET Einwegflaschen abgefüllt.

Das Aus? Produktion bricht unter dem Einwegpfand zusammen

Dann kam im Januar 2003 das Einwegpfand. Dieter Reckermann, der zu diesem Zeitpunkt die Geschicke des Standorts als Betriebsleiter übernommen hatte, erinnert sich: „Die Auswirkungen des Einwegpfands auf die Getränkeindustrie waren zunächst nicht genau abzusehen. Es gab kein einheitliches Rücknahmesystem und verschiedene Insellösungen im Handel. In der Folge sank das Produktionsvolumen in Lüneburg schlagartig um 80 Prozent. Und damit auch die Zahl unserer Mitarbeiter – über 100 mussten wir damals entlassen.“

„Das Produktionsvolumen sank schlagartig um 80 Prozent, über 100 Mitarbeiter mussten entlassen werden“

Martin Lütge
„Das war eine harte Zeit“, so Martin Lütge, der zwischenzeitlich die Koordination der Produktion übernommen hatte. „Quasi von einem Tag auf den anderen standen die Anlagen, an denen bis dahin täglich Tausende Liter Erfrischungsgetränke abgefüllt worden waren, still. Viele Kollegen, die über die Jahre auch Freunde geworden waren, mussten das Unternehmen verlassen.“ Der Produktionsbetrieb in Lüneburg wurde mit einer 35-köpfigen Mannschaft, zeitweise auch in Kurzarbeit, aufrechterhalten, wobei die Lohnabfüllung für die Brauerei Carlsberg, die Coca-Cola Konzessionär in Dänemark war, in den folgenden Jahren für eine gewisse Grundauslastung sorgte.

In der größten Krise des Standortes reifte aber auch eine Idee: Natürliches Mineralwasser war zum beliebtesten Durstlöscher der Deutschen geworden – der Pro-Kopf-Verbrauch hatte sich seit den 70er-Jahren fast verzehnfacht. Und der bestehende Brunnen auf dem Gelände lieferte Wasser in hervorragender Qualität.

ViO wird zum Rettungsanker

„Dem Trend zum Mineralwasser zu folgen und ViO ins Leben zu rufen, war die einzig richtige Entscheidung und der Rettungsanker für den Standort“, erklärt Dieter Reckermann. Nachdem der Brunnen saniert, die Genehmigung für die Wasserentnahme erteilt und die Zertifizierung für natürliches Mineralwasser erreicht worden war, wurden 2007 die ersten ViO Flaschen abgefüllt. Und das Wasser mit dem „weichen Geschmack“ aus der Lüner Quelle kam bei den Verbrauchern an: ViO wurde zur am schnellsten wachsenden Wassermarke auf dem deutschen Markt.

„Mit ViO zog wieder das Gefühl des Aufschwungs ein“, so Martin Lütge. „Einige ehemalige Kollegen konnten wieder eingestellt werden. Insgesamt wurden mit der Herstellung der ViO Produkte bis heute etwa 140 Arbeitsplätze am Standort neu geschaffen.“ Denn rund um ViO ist eine ganze Produktfamilie entstanden: Auf das natürliche Mineralwasser folgten 2013 ViO Medium, zwei Jahre später die ViO BiO Limonaden und im vergangenen Jahr die ViO Schorlen. Und auch in diesem Jahr ist mit der nur leicht gesüßten ViO BiO Limonade und mit dem voll karbonisierten ViO Spritzig weiterer Zuwachs geplant.

140 Arbeitsplätze konnten rund um die Herstellung der ViO Produkte geschaffen werden

Für dieses erfolgreiche Wachstum war auch eine Reihe von Umbauarbeiten und Erweiterungen am Standort erforderlich. Es wurden vier neue Abfüllanlagen installiert, darunter auch eine Ultra-Clean-Linie für die Bio- und Direktsaftprodukte, die Böden und Abwassersysteme wurden erneuert und das Labor wurde erweitert. Seit 2008 sind knapp 100 Millionen Euro in den Umbau und die Modernisierung des Coca-Cola Standortes in Lüneburg geflossen.