ES IST NICHT SCHWER, mit Wotan Wilke Möhring ins Gespräch zu kommen. Der Schauspieler empfängt uns im schlichten Bürozimmer eines Filmverleihs in Berlin-Charlottenburg. Es liegen ein paar Häppchen bereit, Möhring raucht, erzählt von seinem Ferienhaus in Südspanien. Sofort wird klar: Der 49-Jährige hat mit Glanz und Glamour nicht viel am Hut.

Es ist ein Leben zwischen Film, Fußball und Familie, das der dreifache Vater führt. Unterschiede ziehen ihn ohnehin an, seit jeher. Möhring ist Waldorfschüler, Punk, Weltreisender, Zeitsoldat, Elektriker, Türsteher. Er malt, modelt, spielt Geige, wird letztlich Schauspieler. Schon bald spielt er in Filmen wie „Das Experiment“ oder „Lammbock“ mit. In den letzten Jahren kommt seine Karriere dann so richtig in Schwung. Möhring wird „Tatort“-Kommissar im Norden, spielt Old Shatterhand im „Winnetou“-Remake auf RTL und ist in der „Lammbock“ -Fortsetzung „Lommbock“ zu sehen.

Ende April kommt die Komödie „Happy Burnout“ ins Kino. Möhring spielt darin an der Seite von Anke Engelke und Kostja Ullmann den Alt-Punker Fussel. Der lässt sich mit Burnout in eine psychiatrische Klinik einweisen, um weiter Stütze zu kassieren. Ein Gespräch über beruflichen Stress und Fußball als Ausgleich.

Coke, Coke light, Coke Zero Sugar oder Coca-Cola Life?

„Ehrlich gesagt trinke ich Wasser. Bei einem Hangover eine normale Coke mit Zitrone und Eis. Das ist top.“

Hattest du einen Spitznamen in der Schule?


„Ich hab' immer Wilke benutzt, oder Wille. Sonst eigentlich nichts.“

Nicht so wie Fussel...

„Nein. Der Spitzname aus seiner Kindheit, den er immer noch benutzt, ist ja ein Charaktermerkmal. Das zeigt, dass er nicht erwachsen geworden ist.“


Du warst selbst früher Punk. Hast du dich bei den Dreharbeiten an diese Zeit zurückerinnert?

„Ja, an verschiedene Sachen. Die Gegend, das Hamburger Schanzenviertel, war mir natürlich vertraut. Die Frisur habe ich gnadenlos selbst angeboten – an den Seiten rasiert und der ungepflegte, etwas bockig-zeckige Irokesenschnitt. Beim Gang, bei dem auch die Provokation mitschwingt, habe ich tatsächlich an einen guten Freund gedacht. Die gesamte Grundhaltung, das Rechthaberische, mit anarchisch-linken Argumenten der Welt zu begegnen und sich dadurch selber gut zu fühlen, ist mir geläufig. Das Outfit, die Musik, die ganze Welt war mir sehr nah.“

Du bist beim Dreh quasi in deine eigene Vergangenheit gereist...


„Ja, genau. Das Gefühl zu haben, wieder sechs Wochen Springerstiefel zu tragen, fand ich auch super. Das macht man privat ja auch nicht mehr…“

Fussel ist Kind geblieben. Gibt es etwas, bei dem du mit knapp 50 Jahren noch Kind bist?

„Ich glaube, dass in mir noch eine große Portion großer Junge steckt. Ich bin durch meine Kinder natürlich erwachsen geworden, aber darunter hat weder die Spielwut, noch die Lust am Leben und am Chaos gelitten. Im Gegenteil: Kinder sind ja personifiziertes Chaos und mischen deine Welt auf. Dieses Element finde ich nach wie vor gut. Die Abstinenz von Chaos stört mich mehr als die Abstinenz von Ordnung.“

„Die Abstinenz von Chaos stört mich mehr als die Abstinenz von Ordnung.“

Ist das Beibehalten des Chaotischen auch ein Schutz vor Burnout, unter dem deine Figur ja im Film angeblich leidet?


„Ja, auf eine gewisse Weise schon. Ich glaube, diese Diagnose ist so vielfältig wie die Menschen, die darunter leiden. Wenn du die Überlastung körperlich spürst, genervt reagierst, schlecht schläfst, ungeduldig bist, dann leidest du unter Burnout. Mit Überlastung hat Fussel aber keine Probleme. Wer so wenig arbeitet und sich vor der Verantwortung gegenüber sich selber drückt, hat wenig mit Burnout zu tun.“

Im Film landet ein Geschäftsmann in der Psychiatrie, weil er nie abschalten kann von seinem Beruf. Kannst du Verständnis dafür aufbringen?


„Ich kann mir schon vorstellen, wie man in solch einen Strudel gerät. Man läuft einem gewissen Weltbild nach: größer, weiter, besser, immer mehr. Man schaut nicht darauf, was man schon hat und ist damit zufrieden, sondern empfindet den Zustand des Zufriedenseins als negativ. Aber du kannst nicht gewinnen gegen Maschinen und das goldene Kalb, um das du rennst. Wenn man aus der Beschaffung von Reichtum sein einziges Lebensglück holen will, dann ist das ein sehr schmales Glück.“

Und man landet schneller in der Psychiatrie, als man denkt...

„Absolut. Weil man es nicht einsehen will. Jeder Schritt, es ruhiger angehen zu lassen, ist eine Niederlage. In dieser Welt macht man nicht auf ruhig. Wer länger als sechs Stunden schläft, ist schon eine Niete.“

Wotan Wilke Möhring - Zelt
DU MUSST auch Dinge nur für dich machen, sagt Wotan Wolke Möhring. Foto: Thomas Kost


Ist Burnout ein Thema unter Schauspielern?

„Ich denke schon. Es ist ja ein ultrapersönlicher Beruf. Der hat immer etwas mit deiner Biografie, deinem Äußeren, deinem Gesicht, deinen Gefühlen zu tun. Das Auge ist das Fenster zur Seele, sagt man ja. Beim guten Schauspiel sieht man also, wie es dir in Wahrheit geht und wie du dich fühlst. Du spielst anders, wenn du ausgeglichen bist. Das ist natürlich ein Thema, vor allem Kritik geht ja nie spurlos an einem vorbei, weil sie immer ganz persönlich ist. Man braucht eine gewisse Art von Selbstbewusstsein, um vor anderen zu bestehen. Und Selbsterkenntnis, ab wann dir etwas gut tut und wann nicht.“

Wie schwer fällt es dir, den beruflichen Stress nicht mit nach Hause zu nehmen?

Wotan Wilke Möhring - Selfie
SELFIE beim Interview: Wotan Wilke Möhring
Gar nicht schwer. Denn wenn ich nach Hause komme, sind da die Kinder. Denen ist egal, ob du zwei Stunden gepennt hast oder gar nicht. Die sollen auch nicht denken, dass Arbeit nur müde oder kaputt macht. Du bist immer nach einem Drehtag erledigt, aber hast – wenn es gut gelaufen ist – auch eine Euphorie des guten Gefühls. Aber bestimmte Projekte, wie der traurige Film Der letzte schöne Tag, nehmen dich schon mit. Obwohl das alles überhaupt nicht vergleichbar ist mit Arbeitern, die zwölf Stunden am Band oder auf dem Bau ackern. Das ist vielleicht weniger persönlich, aber dafür körperlich umso anstrengender.“


Wie kommst du generell mit Belastungen klar?

„Ich versuche, das für mich wichtige Familienleben und die Arbeit auszubalancieren. Aber bei diesem Balanceakt darfst du selbst nicht auf der Strecke bleiben. Du musst auch Dinge nur für dich machen. Für keinen sonst. Nur für dich. Das musste ich auch lernen. Zum Beispiel Fußball: mache ich nur für mich. Eigentlich bekloppt. Du gehst ins Stadion und ärgerst dich. Aber trotzdem ist es ein Ereignis, das du nur für dich machst. Und das ist ganz wichtig. Ich war in Andalusien, um dort spanisch zu lernen. Nur für mich. Ohne besonderen Grund. Das musst du lernen. Dass du Menschen mehr Gutes tun kannst und ihnen anders begegnen kannst, wenn du mit dir selbst okay bist. Wenn du selber nicht mehr geben kannst, bist du auch kein guter Ratgeber.“

„Fußball: mache ich nur für mich. Eigentlich bekloppt. Du gehst ins Stadion und ärgerst dich."

Die Filmbranche kann ja sehr einnehmend sein. Verstehen die Leute, wenn du dich in solchen Phasen zurückziehst, um etwas für dich zu machen?

„Absolut. Aber auch meine Kinder verstehen das. Die wollen ja auch, dass ihr Vater ausgeglichen ist. Sonst hat da keiner was von. Ich bin auch generell kein Typ, der gerne andere um Erlaubnis fragt und sich abhängig macht. Darum habe ich mich auch von der Punk-Szene verabschiedet, als ich merkte, dass es da auch Regeln gibt. Was man darf und was man nicht darf. Das finde ich grotesk. Darum bin ich damals direkt zur Bundeswehr gegangen. Ich wollte mal was ganz anderes ausprobieren. Das hat mich immer schon mehr gereizt, als die Konformität und sich irgendeiner Gruppe zugehörig zu fühlen. Und so ist das nach wie vor. Ich fühle mich meiner Familie zugehörig, aber sonst keinem.“

Punker und Soldat: Inwiefern hat dich diese Zeit geprägt?

„Ich bin mit viel Verständnis und Liebe aufgewachsen. Trotzdem habe ich immer die ultimative Revolution gesucht und auch viel Kacke gebaut. Ich habe aber gelernt, zu Fehlern zu stehen. Das Selbstwertgefühl aus mir selbst herauszuholen und meine Wertigkeit nicht abhängig zu machen von der Außenbewertung. Das war für mich prägendes Element. Ich bin viel alleine gereist und habe mich da mit mir selbst auseinandergesetzt. Das war eine wichtige Erfahrung. Aber auch diszipliniert zu sein. Dieser Beruf ist chaotisch, hat mit Freude, Tränen, Sex, mit allem zu tun. Trotzdem musst du diszipliniert sein, den Text können und so weiter. Mich in diesen beiden Welten zu bewegen, fand ich faszinierend. Nach dem Motto: Wer feiern kann, kann auch arbeiten.“

Wotan Wilke Möhring – Anke Engelke
PSYCHO-DUO: Wotan Wilke Möhring und Anke Engelke. Foto: Thomas Kost

Du bewegst dich dein ganzes Leben lang in unterschiedlichen Welten. Ein Tag Blitzlichtgewitter und roter Teppich, am anderen Abend stehst du im Fanblock von Borussia Dortmund. Welche Welt ist dir näher?

„Die Fußballwelt will nichts von mir. Es ist einfach diese Leidenschaft, die Menschen verbindet. Die hätten außerhalb des Stadions vielleicht nie etwas miteinander zu tun. Das hat eine gewaltige Kraft der Gemeinschaft. Ich kann mich noch erinnern, als wir mit 7000 Fans in London zum Stadion marschiert sind. Diese Gemeinschaft als Energiefluss zu spüren, ist im Stadion was ganz besonderes. Auf dem roten Teppich bist du solitär. Du bedankst dich durch deine Präsenz bei den Leuten, die dich eingeladen haben. Wir beide reden jetzt über einen Film, der mir sehr am Herzen liegt. Das ist auch wichtig und gehört zur Leidenschaft Film dazu. Aber lieber bin ich mit meinen Kumpels im Stadion...“

Bist du dir denn im Stadion trotzdem bewusst, dass du prominent bist?

„Na ja. Du kannst dich ja nicht in eine Klopperei einmischen, jemandem auf die Zwölf geben oder dich benehmen wie ein Asi. Aber: Wenn ich im Fanblock stehe, dann bin ich auch da. Da kann ich nicht sagen: 'Sorry, ich bin Schauspieler'. Das gibt’s nicht.“


Wie viele Spiele hast du durch die Dreharbeiten zu Happy Burnout verpasst?

„Einige. Aber ich weiß noch, dass ich nach einem Drehtag nachts von der Schanze zu einem Spiel gefahren bin und nach dem Spiel direkt wieder zurück. Welches Spiel, weiß ich aber nicht mehr...“

Was sagen Co-Stars wie Anke Engelke dazu?

„Die ist durch ihre Kinder auch fußballverbunden. Aber sie war zu dem Zeitpunkt, als wir in Hamburg gedreht haben, nicht am Set.“


Die Szenen mit ihr habt ihr auf einem Schloss bei Warstein im Sauerland gedreht.

„Genau. Das kannte ich sogar noch von früher. Als Schüler habe ich dort auf dem Gut ein Landschaftspraktikum gemacht und der Schlossherr ist der Patenonkel meiner älteren Tochter.“

Und in der Region kann man auch gut Fußball gucken...

„Genau. Gegenüber war eine schön lackierte Dortmund-Garage.“

Ende Mai wirst du 50. Irgendwelche Wünsche?

„Ich weiß, dass ich an dem Tag drehe und nicht feiern kann. Keine Ahnung. Ich habe ein gutes Jahr hinter mir und drehe demnächst in Berlin einen Action-Thriller, was ich noch nie gemacht habe. Ich habe keine Wünsche.“

 

Das sind die fünf Lieblingssongs von Wotan Wilke Möhring:

Rolling Stones - Sitting On A Fence
„Erinnerung an frühe Jugend, erste Erkenntnis über die Welt!“

Angel Haze - New York
Großartige Künstlerin mit dem modernen Sound meiner Lieblingsstadt.“

Beatsteaks - Gentlemen Of The Year
„Superjungs aus Berlin, beste Liveband.“

Billy Talent - Horses & Chariots
Punk muss nicht tot sein, die Jungs haben eine gute Energie.“

Deichkind - Niveau Weshalb Warum
„Lustig, guter Text, kann ich mit den Kindern singen.“

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