VOR DEM COLUMBIA THEATER in Berlin-Kreuzberg warten Dutzende Teenager mit Plakaten und Plüschtieren. Klar, denn gleich steht hier Wincent Weiss auf der Bühne. Der 24-Jährige gilt spätestens seit seinem Radio-Ohrwurm „Musik sein“ im vergangenen Jahr als offizieller Mädchenschwarm.

Der Songwriter aus dem kleinen Eutin in Schleswig-Holstein arbeitet schon seit Jahren am großen Durchbruch. Erste Aufmerksamkeit bekommt er 2013, noch als Schüler. Da macht er aus einer Laune heraus bei „Deutschland sucht den Superstar“ mit. Beim Recall in der Karibik ist damals Schluss. Aber Wincent lässt nicht locker, zieht nach München, schreibt Songs, knüpft Kontakte. Dass dann Plattenfirmen auf ihn aufmerksam werden, hat er einem Zufall zu verdanken: Ein Produzent entdeckt seine Akustik-Version des Songs „Unter meiner Haut“ bei YouTube und nimmt sie mit ihm neu auf. 2015 landet das DJ-Duo Gestört aber Geil mit einer Dancefloor-Version des Songs einen Hit – und macht die Stimme von Wincent Weiss bekannt. Im letzten Jahr wird „Musik sein“ zum Dauerbrenner im Radio. In diesen Tagen erscheint sein Album „Irgendwas gegen die Stille“.

Drei Stunden vor dem Berlin-Gig sitzt Wincent mit „W“ (seine Mutter wollte ihm die Initialen „VW“ ersparen) lässig im Backstage-Raum.

Los geht’s.

Coke, Coke Light, Coke Zero Sugar oder Coke Life?

„Mit Whiskey gerne die normale…“

Nach vier Jahren München wohnst du jetzt seit einem Jahr in Berlin. Vermisst du manchmal deine Heimat?

„Auf jeden Fall den Strand. Die Ostsee wollte ich eigentlich immer nah bei mir haben. Das ist nicht vergleichbar mit Seen und Flüssen.“

Was würdest du an Berlin vermissen?

„Die Öffnungszeiten der Supermärkte. Wenn ich zuhause bin, merke ich: Ab 20.00 Uhr ist Schluss. Da wünsche ich mir die Großstadt. Aber ansonsten finde ich das Kleinstadt- und Dorfleben wunderschön.“

In München ist es ja mitunter auch schwierig, unter der Woche nachts einen Döner zu bekommen…

„Stimmt, München ist auch schwierig. Eine Großstadt mit Kleinstadt-Flair.“

Die Wohnungssuche hier in Berlin ist momentan eine echte Herausforderung. War das für dich auch so?

„Es ging überraschend schnell. Wir haben uns an einem Tag fünf Wohnungen angeschaut, drei haben mir gefallen, eine davon haben wir bekommen.“

Hilft es da, bekannt zu sein?

„Der Vermieter kannte mich nicht. Erst als ich später mal zu ihm ging, weil meine Heizung nicht funktionierte, meinte er: ‚Ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Kann das sein?‘“

„Wem kann man mehr vertrauen, als seiner Mama?“

Gibt es etwas, was deine Mutter immer noch für dich macht?

„Meine Buchhaltung und Steuererklärung. Sie hat das früher beruflich gemacht, ist jetzt selbständig und macht das für mich. Wem kann man mehr vertrauen, als seiner Mama?“

Du wohnst mit einem Freund zusammen. Gibt's eine Aufgabenteilung? Du bist ja oft unterwegs…

„Er wohnt erst seit ein paar Wochen bei mir, ist mit mir auf Tour und hilft beim Aufbau. Er kauft ein und kocht ganz gerne. Ich muss ihm noch beibringen, dass er nicht nur für sich kochen muss, sondern für zwei Personen. Aber das kriege ich auch noch hin.“

Wincent Weiss – Selfie
SELFIE beim Interview: Wincent im Backstage-Raum

Bügeln ist auch nicht so dein Ding, oder?

„Nein, aber es wird immer besser. Ich hab‘ mir Bügeleisen und Bügelbrett gekauft und bügele manchmal vor den Auftritten mein T-Shirt – aber eher selten.“

Du bist schon mit 16 Jahren bei deinen Eltern ausgezogen...

„Wir sind damals viel umgezogen und ich wollte lieber in der Nähe der Schule wohnen. Sonst hätte ich zwei Stunden mit dem Bus hin- und herfahren müssen. Da wollte ich lieber im Supermarkt arbeiten, um meine eigene Miete zahlen zu können. Deswegen bin ich in eine kleine Einliegerwohnung bei den Eltern einer Mitschülerin gezogen.“

„Kochen und Wäschewaschen war die reinste Katastrophe. Es gab jeden Tag Cornflakes.“

Hat das dabei geholfen, schneller erwachsen zu werden?

„Das habe ich gedacht, hat aber nicht ganz funktioniert. Ich war schon etwas selbständiger als meine Mitschüler. Aber Kochen und Wäschewaschen war die reinste Katastrophe. Es gab jeden Tag Cornflakes.“

Während der Schulzeit hast du dann beim Casting für „Deutschland sucht den Superstar“ mitgemacht. Langeweile oder Berufswunsch?

„Ich lebte halt auf einem Dorf und wusste nicht, wo ich mit meiner Musik hin soll. Ich hatte damals einen schönen Urlaub in der Karibik. Mehr auch nicht.“

Wincent Weiss – Bühne
HIGHLIGHT: Das „Kind vom Dorf“ ist auf der großen Bühne angekommen

Hast du nach dem Abitur sofort an deiner Musikkarriere gearbeitet?

„Ich bin nach München gezogen und habe dort Songs geschrieben. Aber ich musste natürlich Geld verdienen. Darum habe ich in einem Restaurant gejobbt, wo ich nach eineinhalb Jahren Filialleiter wurde. Wegen der 60-Stunden-Woche hatte ich etwas weniger Zeit für die Musik. Als dann nach „Unter meiner Haut“ der Plattenvertrag kam, habe ich sofort am nächsten Tag gekündigt. Ich habe alles auf die Musik-Karte gesetzt.“

Wie hast du das Musikgeschäft damals empfunden? Als junger Kerl aus der Kleinstadt?

„Ich habe relativ früh meinen Manager kennengelernt, der mir geholfen hat. Es ist ein bisschen schade, dass in diesem Geschäft vieles nur mit Verträgen und Anwälten geht. Zu mündlichen Verabredungen kann man gar kein Vertrauen haben.

Du hast „Musik sein“ schon im Sommer 2015 geschrieben. Hattest du eine Ahnung, dass dieser Song dein Durchbruch werden könnte?

„Wir wussten nicht, dass es so ein großer Hit wird. Am Anfang war es relativ ruhig um den Song, weil die Fußball-EM dazwischenkam. Da dachten wir schon: der erste Song gleich ein Flop. Aber nach der EM wurde er dann plötzlich immer häufiger gespielt und ist groß geworden.“

Wincent Weiss mit Max Giesinger und Tim Bendzko beim Echo 2017:

Auftritte bei der Silvesterparty am Brandenburger Tor und beim Echo: Wie kann man da mit den Füßen am Boden zu bleiben?

„Es ging schon relativ schnell hoch. Ich dachte, dass ich die Hallen, in denen ich momentan spiele, eigentlich erst nach drei oder vier erfolgreichen Alben vollmache. Das haben wir jetzt schon ohne Album geschafft. Das ist schon krass. Aber Abheben? Das ist für ein Kind vom Dorf relativ schwer.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf ‘ne Coke treffen?

„Linkin Park war damals eine meiner Lieblingsbands. Ich habe sie beim Echo gesehen und würde gerne mit Leadsänger Chester mal ‘ne Coke trinken.“


Fünf Lieblingssongs von Wincent Weiss:

Ed Sheeran: „Dive“
„Ich finde das ganze Album geil, aber der ist bei mir am meisten hängengeblieben.“

Slaves: „I’d Rather See Your Star Explode“
„Wird wahrscheinlich keiner kennen. Ich find’s geil. Hört mal rein.“

The Fray: „You Found Me“
„Ein älterer Song, den ich kürzlich wiederentdeckt habe. Ich höre gern ab und zu Songs aus meiner Jugend. Das ist einer davon. Sehr schön.“

System of a Down: „Toxicity“
„Ich habe ein Skateboard mit auf Tour genommen, weil ich früher viel gefahren bin. Dabei habe ich ganz, ganz oft System of a Down gehört. Das war meine Skate-Band.“

Bring Me The Horizon: „Sleepwalking“
„Einer meiner Lieblingssongs, den ich gerne auch mal selbst singen würde.“


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