BLONDE WUSCHELHAARE, ansteckendes Lachen. Wir treffen Tim Bendzko in einem Büro in Berlin-Mitte. Einen Tag zuvor saß er bei „Markus Lanz” im Studio. Und noch immer ist er in Plauderlaune. Aus einem geplanten 20-Minuten-Interview zum neuen Album wird ein 45-Minuten-Gespräch über Gesellschaft, Politik und die Rolle der Medien. Bendzko ist tiefgründig, interessiert und ehrlich – so wie in seinen Songs. Am Ende hat man das Gefühl: Wir haben nicht den Sänger kennengelernt, sondern Tim. 

Coke, Coke light, Coke Zero oder Coke Life?

„Wasser.“

Heute schon gejoggt?

„Nein, das ging heute nicht, weil wir aus Hamburg hergefahren sind. Und diese Woche musste ich eine Erkältung abwehren. Das ist gelungen, nächste Woche kann ich wieder.“

Was kannst du Sportmuffeln wie mir raten, um jetzt in der dunklen Jahreszeit laufen zu gehen?

„Das kommt natürlich immer auf den Charakter an. Aber mir hilft, das morgens gleich als Erstes zu tun. Aufstehen, Kaffee trinken und los. Abends lassen sich leichter Ausreden finden. Ich habe oft und lange den Fehler gemacht zu denken: Es ist nur Sport, wenn es lange dauert und anstrengend ist. Das entspricht aber nicht der Wahrheit. Eigentlich darf man beim Joggen nicht schwitzen, wenn man sich nur fithalten will. Sonst ist man zu schnell gelaufen. Seitdem versuche ich, morgens 20 Minuten zu laufen. Und wenn ich mehr Zeit habe und mich fit fühle, jogge ich etwas länger. Aber die Regelmäßigkeit ist das Entscheidende.“ 

Es ist nicht so, dass ich abends total ausgelaugt bin, weil ich den ganzen Tag so doll nachdenken musste.

Du hast viele Termine und Interviews...

„Na ja. Bei den Sachen, die man als Sänger gefragt wird, muss man sich nicht gerade anstrengen im Kopf. Neun von zehn Fragen in einem Interview kann ich meist vorhersagen, was auch okay ist. Aber es ist nicht so, dass ich abends total ausgelaugt bin, weil ich den
ganzen Tag so doll nachdenken musste. Schreiben ist schon deutlich anstrengender.“

Tim Bendzko

FIT halten ja, Schwitzen nein: Tim Bendzko

„Immer noch Mensch“ ist – genauso wie das Vorgängeralbum – auf Platz Eins gelandet. Hast du das vorher erwartet?

„Das ist ja wie eine Lotterie. Man muss das Glück haben, dass man in einer Woche veröffentlicht, in der man eine Chance hat. Wenn mein Album eine Woche später erschienen wäre – zeitgleich mit den Böhsen Onkelz – wäre das eine ziemlich eindeutige Kiste gewesen, und zwar nicht zu meinen Gunsten. Aber ich hatte schon das Gefühl, dass es das Album verdient hätte. Für mich ist es das Beste von meinen drei, und ich bin damit vollends glücklich.“

Passen deine gefühlvollen Songs besser in den Herbst als in den Sommer?

„Frühling wäre auch noch gegangen, aber es ist natürlich kein Album, das ich im Juni oder Juli rausbringe. Dafür sollte man dann doch eher fröhliche Musik machen...“

Hast du denn mal Lust, einen Gute-Laune-Sommersong zu schreiben?

„Das würde bedeuten, dass ich vor dem Schreiben überlege, welches Ziel der Song verfolgen soll. Aber ich schreibe Songs nicht mit einer gewissen Absicht, sondern weil es ein Bedürfnis ist. Es spricht nichts dagegen, das mal anders zu machen. Aber für mich war es jetzt wichtig, ein Album zu machen, das so nah wie möglich an mir dran ist. Um einmal für mich festzulegen: So klinge ich. Das sind die Songs, die ich schreiben kann. Jetzt habe ich für mich die Freiheit, Sachen zu machen, die auch mal ein Experiment sein könnten. Das kann ein Album mit 15 lustigen Songs sein. Oder Kinderlieder. Oder eins, auf dem ich rückwärts singe...“

Wie genau schaust du dir Reaktionen der Fans auf deinen sozialen Kanälen an?
„Ich gucke schon, wie die ersten Reaktionen sind, wenn ich ein Musikvideo oder ein Album veröffentlicht habe. Wenn am ersten Morgen 100 Leute posten, dass sie es sensationell finden, ist das schon mal beruhigend. Wenn schon der Zweite schreibt, dass er das Album komisch findet, kann man davon ausgehen, dass es nicht gerade im positiven Sinne polarisiert.“ 

Wie sieht es mit den Meinungen in der Presse aus?

„Ich habe keine einzige Kritik zum Album gelesen, weil es mich nicht interessiert. Ansonsten liest man etwas, das einen euphorisiert oder betroffen stimmt, aber keinen Unterschied macht. Es ändert nichts an diesem Album.“

Heute nutzen Internet-User das Netz häufig, um anonym andere zu beleidigen. Wie sind deine Erfahrungen damit?

„Seit dem ersten Tag, an dem ich das Internet nutze, sperre ich jeden, der mich oder andere beleidigt. Das ist meine Seite. Und wer sich auf der von mir erstellten Pinnwand bewegt, kann das gerne freundlich tun. Er kann mir auch sagen, wenn ihm was nicht gefällt. Aber wer beleidigt, wird gesperrt.“

Du bist im Netz ja sehr aktiv, chattest regelmäßig live mit deinen Fans auf Facebook. Welche kuriosen Fragen wurden dir schon gestellt?

„Also das Kuriose finde ich tatsächlich, wie krass sich die Fragen wiederholen. In einer halben Stunde wird 50 Mal die selbe Frage gestellt, auch wenn ich sie schon zehnmal beantwortet habe. Das liegt natürlich daran, dass nicht alle von der ersten Sekunde dabei sind.“ 

Ich habe schon 3.000 Mal erklärt, dass ich kein Hoffenheim-Fan bin – auch wenn es bei Wikipedia steht.


Journalisten stellen ja häufig dieselben Fragen, oder?

„Das ist aber nochmal eine andere Kiste, weil man sehr unterschiedliche Medien abdeckt und zwangsläufig die gleichen Fragen beantworten muss. Aber klar: 'Tim, du wolltest ja mal Pfarrer werden' – diese Frage habe ich schon 3.000 Mal beantwortet. Und ich habe schon 3.000 Mal erklärt, dass ich kein Hoffenheim-Fan bin – auch wenn es bei Wikipedia steht. Aber das Phänomen der Fanfragen ist nochmal eine andere Kiste und beschäftigt ja viele Künstler.“

Inwiefern?

„Wenn du bei Treffen mit Fans wissen willst, ob sie noch eine Frage haben, kommt meistens nichts. Obwohl sie im Vorfeld wahrscheinlich lange darüber nachgedacht haben, was sie fragen könnten. Aber dann ist man aufgeregt und es fallen einem nur die Fragen ein, die allen einfallen würden. Aber das würde mir wahrscheinlich auch so gehen, wenn ich mal Angela Merkel treffen sollte.“

Viele nehmen dich offenbar zuerst als Promi wahr und nicht als normalen Menschen. Das ist bei Superstars wie Justin Bieber natürlich noch viel krasser. Aber kannst du noch in Ruhe in eine normale Berliner Eckkneipe oder in die U-Bahn gehen?

Tim Bendzko - Cover

ALLE FREIHEITEN: Tim Bendzkos aktuelles Album

„Natürlich. Also unabhängig davon, dass ich nicht in Eckkneipen gehe. Aber das Berühmtsein in Deutschland mit dem von Justin Bieber zu vergleichen – das geht nicht. Das sind zwei grundverschiedene Dinge. In Amerika wird ganz anders miteinander umgegangen, wenn du in der Öffentlichkeit stehst. Wir regen uns darüber auf, wenn Zeitungen Fantasiegeschichten über einen schreiben. In den USA wirst du jede Sekunde belagert. Da schotten sich die Promis regelrecht ab und wohnen in Regionen, in denen nur Stars wohnen, was das Ganze ja nochmal schlimmer macht. Da gibt es keine 'normalen' Menschen, mit denen man sich mal unterhalten kann.“

Man sagt momentan, Politiker seien zu weit weg vom Rest der Gesellschaft. Das scheint bei vielen Prominenten ja nicht anders zu sein...

„Das ist natürlich ein hochkomplexes Thema. Jemand, der sich in der Öffentlichkeit als Mann oder Frau des Volkes gibt, ist es ja deshalb schon nicht, weil er oder sie in der Öffentlichkeit steht. Da gibt es bestimmt welche, die näher dran oder weiter weg sind, aber prinzipiell ist das eine andere Welt. Du lebst ein völlig anderes Leben als der Bäcker von nebenan. Dann aber so zu tun, als sei das nicht so, finde ich immer etwas komisch.“ 


Das ist bei Journalisten auch nicht anders, da leben auch viele in einer Art Blase...

„Ja, aber da muss man gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen und sagen: Die bösen Medien. Das liegt in der Natur der Sache. Wenn du von außen auf etwas guckst und über etwas sprichst und berichtest, ist das ja schon immer abstrakt. Weil du es gar nicht zu hundert Prozent so wiedergeben kannst, wie es ist. Es wird immer versucht, etwas zugespitzt und pointiert klarzumachen. Das hat ja schon null mit der Realität zu tun. Ich war jetzt bei Markus Lanz zu Gast und da meinte Norbert Blüm, er sei für mehr Mitbestimmung des Volkes. In der Theorie total richtig, aber es funktioniert nur in einem Fall: Indem man alle Wahlberechtigten ausreichend informiert. Dass sie hinreichend verstehen, worüber sie entscheiden.“

Und sie müssen es auch wissen wollen...

„Stimmt, aber das ist nochmal eine ganz andere Ebene. Aber das Brexit-Referendum ist ja ein gutes Beispiel dafür, dass es unmöglich ist, alle Menschen so ausreichend zu informieren, dass sie sich eine Meinung bilden können. Das ist ja der Sinn von Demokratie. Aber das geht nicht. Wer die meiste Kohle hat, macht die meiste Werbung für seine Position. Und plötzlich werden ganz merkwürdige Entscheidungen getroffen, über die sich später alle wundern. Und es gibt noch eine zweite Sache, die das erschwert. Früher hatten Zeitungen noch klare Positionen: links, rechts, Mitte. Gibt es ja nicht mehr. Und dann regen sich Leute auf, dass niemand mehr Ecken und Kanten hat.“ 

Hast du ein Beispiel?

„Es fängt ja schon damit an, dass man auch mit einem AfD-Politiker sprechen muss, und zwar auf Augenhöhe. Wenn man das sagt, ist man ja eigentlich schon rechts. Aber das ist das Grundprinzip von Demokratie. Miteinander reden. Aber wie man miteinander redet, ist der viel entscheidendere Punkt. Nämlich auf Augenhöhe. Es wird ja immer über AfD-Politiker gelacht. Und dann wundert man sich, wenn die Leute das Gefühl haben, man nehme sie nicht mehr ernst. Bei Trump das gleiche Ding. Man hat ihn im Vorwahlkampf nicht ernstgenommen und ihn belächelt.“

Wir sind etwas abgeschweift. Wir waren bei deinen Fans...

„Von meinen Fans zu Donald Trump...“

Der Facebook-Chat ist nicht das einzige Format im Netz. Auf YouTube interviewst du regelmäßig im Auto andere Prominente. Etwas, das man nicht unbedingt erwartet von dir...

„Ich finde das lustigerweise gar nicht ungewöhnlich, wenn jemand etwas macht, was nicht auf seiner Stirn steht.“

Du bist nicht 24 Stunden am Tag der Sänger Tim Bendzko...

„Es wird immer angenommen, da steht jetzt der Pop-Star. Dann geht man davon aus, dass da eine Marionette ist, die eh nichts selbst schreibt und sowieso nichts anderes kann. Ich interessiere mich tatsächlich für viele Sachen. Ich liebe technische Geräte und habe mich mit Fotografie und Videodreh beschäftigt. Nur Videos von mir selbst zu drehen, fand ich dann doch etwas merkwürdig, deshalb habe ich beschlossen andere Musiker zum Gespräch zu bitten.“

Du interessiert dich für Menschen...

„Ne, eigentlich gar nicht (lacht). Aber das hängt einfach mit meinem Beruf zusammen. Ich treffe ja immer auf Menschen, die mich Sachen fragen. Selbst wenn ich meine Eltern treffe, geht es darum, was bei mir gerade los ist. Ich versuche, das momentan wieder so ein bisschen geradezurücken. Das ist tatsächlich gefährlich, wenn die Aufmerksamkeit immer nur auf einem selber liegt. Dann geht man irgendwann davon aus, dass es gefälligst um einen selbst gehen muss, wenn man einen Raum betritt. Ich finde es richtig angenehm, wenn es mal nicht um mich geht. Und das ist bei „Tim trifft“ schön: mal der Fragende zu sein.“ 

Tim Bendzko - Selfie

SELFIE beim Interview: Tim Bendzko in Berlin

Hast du dadurch eine andere Sichtweise auf Journalisten bekommen, die sonst dir Fragen stellen?

„Ja. Aber das gilt generell für Dinge, in die ich mich reindenke. Man sollte sich inhaltlich schon auf ein Interview vorbereiten. Wenn alleine Wikipedia die Basis dafür sein soll, sich über jemanden zu informieren, ist das eine fehlende Wertschätzung des eigenen Berufes. Damit auch eine fehlende Wertschätzung gegenüber demjenigen, mit dem man spricht.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf 'ne Coke treffen?

„Darauf werde ich mein Leben lang immer sagen: Angela Merkel. Ich würde gerne aus tiefstem Herzen von ihr wissen, wie sich das anfühlt. Man unterstellt Politikern ja prinzipiell, dass sie sich selbst bereichern und mächtig sein wollen. Was sie ja nicht sind, auch wenn sie eine privilegierte Stellung haben. Und um dorthin zu kommen, ist es in Deutschland ja ein weiter Weg. Woher kommt die Motivation, zu sagen: Ich will Verantwortung übernehmen, dass das hier besser wird?“

Die fünf Lieblingssongs von Tim Bendzko:

1) Michael Bublé: „Home“

„Ich liebe Songs, die es schaffen, mit Musik, Text und Stimme die gleiche Emotion zu transportieren. Und das kann der Song. Die ersten drei Töne – und du hast sofort Heimweh.”

2) Emeli Sandé: „Breaking the Law (Live at the Royal Albert Hall)“

„Emeli Sandé macht den Mund auf, und die Stimme geht einem direkt ans Herz. Ich liebe den Song vor allem auf ihrem Live-Album. Sensationeller Text.”

3) John Mayer: „Waiting On the World to Change“

„Den Song habe ich gerade erst wieder in der Markus-Lanz-Doku zur US-Wahl gehört. Das ist ja das, was wir die ganze Zeit machen. Wir warten, bis jemand kommt, der uns alle rettet. Aber das passiert nicht. Entweder wir ändern uns und damit unsere Umwelt, oder es wird genauso bleiben, wie es ist.”

4) Justin Timberlake: „Mirrors“

„Einer der besten Popsongs, die dieser Planet je gehört hat. Wahnsinnig gut geschrieben. Riesensong.”

5) Michael Jackson: „They Don't Care About Us“

„Hit meiner Jugend! Anhand dieses Songs habe ich letztens rausgefunden, dass ich mit elf Jahren beschlossen habe, Musik zu machen. Damals habe ich als Kind vor der Vitrine das ganze „History”-Album durchperformt. Etwa 1996/97.”

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