Jeden Monat gibt’s auf Journey erfrischende Interviews mit Promis aus Show und Sport. Heute: Susi Kentikian. Die Box-Weltmeisterin im Fliegengewicht schaut auf ein bewegtes Leben zurück. In Hamburg will sie Ende September ihren Titel verteidigen – mit einem ganz besonderen Einlaufsong...

IHR SCHICKSAL ist aktueller denn je: Susi Kentikian ist fünf Jahre alt, da flieht ihre Familie vor dem Krieg in Armenien. In Deutschland lebt sie erst in einem Wohnheim in Berlin. Sie spricht kein Deutsch, kommt hier zunächst nicht zurecht. Nach einigen Jahren in Moldawien und Russlandzieht Familie Kentikian 1996 nach Hamburg – und bleibt. Susi integriert sich, findet beim Boxen ihre Leidenschaft. Sie gewinnt Titel um Titel, darf aber zunächst als geduldete Asylbewerberin nicht außerhalb Hamburgs boxen. Mittlerweile hat die 27-Jährige die deutsche Staatsbürgerschaft, ist dreifache Weltmeisterin im Fliegengewicht und gilt als schnellste Boxerin der Welt

Ein Skype-Gespräch über Muskelkater, ihre Beziehung zu Udo Lindenberg und den Kampf darum, in Deutschland anzukommen.

Coke, Coke Light, Coke Zero oder Coke Life?
„Ich nehme das Original, das ist für mich geschmacklich die Beste. Als Sportlerin trinke ich eher selten Coca-Cola, aber ich kann auch nicht ganz verzichten.“

Es ist schön, dass wir dich erreichen. So kurz vor dem Kampf bist du sicher oft im Boxring...
„In der heißen Phase vor dem Kampf trainiere ich zweimal am Tag richtig intensiv. Dazwischen komme ich nach Hause und erledige weitere Dinge, muss mich aber zeitgleich entspannen, weil um 18 Uhr wieder Training ist. Ich muss mir die Kraft momentan echt einteilen.“

Trainierst du lieber morgens oder abends?
„Morgens geht kaum was bei mir, auch was die Konzentration angeht. Aber mein Trainer lässt bewusst oft früh trainieren und lernt mit mir einzelne Schläge. Denn im Unterbewusstsein präge ich mir diese Dinge dann besser ein. Eigentlich schlafe ich gern lang, weil ich auch erst spät einschlafe.“

Susi Kentikian - Training
„KILLER QUEEN“: Susi Kentikian 


Liegt das auch daran, dass du Muskelkater hast, wenn du im Bett liegst?
„Nach dem Training bin ich noch voller Adrenalin. Wenn ich esse, merke ich, wie meine Hand vor Überanstrengung zu zittern beginnt. In den ersten intensiven Trainingswochen vor einem Kampf kann ich kaum gehen, weil mir alles weh tut. Das muss aber auch so sein. Ich liebe dieses Gefühl. Und nach drei Wochen merkt man nichts mehr.“

Im Ring trägst du den martialischen Namen „Killer-Queen“. Gibt es auch im Alltag etwas, bei dem du komplett ausrasten könntest?
„Wenn ich gestresst bin, rede ich nicht gern. Wenn mich Leute in diesen Situationen nerven, kann ich schon mal ausrasten. Ich bin generell ein ungeduldiger Mensch. Wenn irgendwas schiefläuft, flippe ich sofort aus. Aber ich beruhige mich zum Glück auch schnell wieder. Mein Umfeld kennt das. Ich komme schnell von null auf 100 – aber auch schnell zurück.“

Udo Lindenberg will den Einlaufsong für deinen Kampf singen. Was war die erste Reaktion, als er dir das angeboten hat?
„Na das war super. Es hatten sich auch andere Musiker angeboten, aber ich habe mich natürlich für Udo entscheiden. Er ist eine Legende und hat eine einmalige Art. Ich kannte ihn vorher eigentlich gar nicht richtig. Dann habe ich ihn zweimal zufällig im Hotel getroffen, sein Konzert in Hannover besucht und war total begeistert. Für mich ist es eine Ehre, dass Udo mich so mag und unterstützt.“

Udo hat auch deine persönliche Geschichte sehr bewegt. Denkst du noch oft an deine Flucht aus Armenien und die erste Zeit in Deutschland zurück?
„Wenn ich darüber rede, sind die Erinnerungen sofort wieder da. Was ich erlebt habe, war alles andere als schön. Das Thema ist ja wieder aktuell, und ich kann mit diesen Menschen total mitfühlen. Ich weiß, was sie durchgemacht haben. Ich selbst habe für diesen Kampf – richtig in Deutschland anzukommen –  mehrere Jahre gebraucht. Das waren Qualen, die ich gar nicht beschreiben kann.“

Susi Kentikian – Workout
HARTE ARBEIT: Susi Kentikian beim Workout

Wie wurdest du damals aufgenommen?
„Von den Deutschen wurden wir eigentlich gut behandelt. Aber mit den Behörden konnten wir überhaupt nicht. Die wollten uns ganz klar abschieben. Wir haben keine Aufenthaltsgenehmigung und keine Arbeitserlaubnis bekommen, einfach gar nichts. Nach ein paar Jahren haben wir dann bewiesen, dass wir gar nicht vom Staat abhängig sind und uns selbst finanzieren können. Dann hat es sich in eine andere Richtung entwickelt. Eigentlich hat sich das alles mit meinem Erfolg als Boxerin geändert. Ich weiß nicht, was sie sonst mit uns gemacht hätten.“

So geht es heute auch wieder vielen Flüchtlingen bei uns...
„Ja, man sollte ihnen eine echte Chance geben, sich hier zu integrieren. Ich habe als Kind die deutsche Sprache erlernt. Ich weiß gar nicht, was ich in Armenien hätte machen sollen. Ich konnte die Sprache weder sprechen noch schreiben.“

Wie erlebst du persönlich die Angriffe auf Flüchtlingsheime und Hetze im Netz?
„Das ist heftig und extrem schlimm. Ich verstehe nicht, was das soll. Das ist purer Rassismus. Ich habe so etwas damals zum Glück nicht erlebt.“

Welche Rolle hat das Boxen für dich gespielt, als du neu in Deutschland warst?
„Ich war als Kind hyperaktiv und habe gerne mit anderen Kindern gekämpft. Und übrigens auch immer gewonnen. Irgendwann sagte mein Vater: 'Das geht so nicht weiter. Du kannst nicht draußen andere Kinder verprügeln, du musst Sport machen'. Ich habe erst Karate, Judo, Gymnastik und andere Sachen ausprobiert, aber alles nach einem Monat abgebrochen. Dann bin ich über meinen Bruder zum Boxen gekommen.“

Heute bist du ein Vorbild für viele Mädchen, die nach Deutschland kommen, weil du dich hier durchsetzen konntest. Inwieweit spürst du diese Verantwortung?
„Ich nehme das auf jeden Fall an. Mädchen aus der Türkei, Armenien oder Afghanistan schreiben mir Nachrichten auf Facebook und sagen, dass ich sie inspiriert habe und sie jetzt auch boxen. Es ist schön, so etwas zu hören. Ich will ja auch, dass das Frauenboxen mehr Anerkennung bekommt.“

Was wird das Erste sein, was du nach dem Kampf machen wirst?
„Wenn alles gut läuft, werde ich sehr glücklich sein. Dann werde ich feiern gehen. Darauf freue ich mich jetzt schon. Ich habe in den letzten Monaten viel durchgemacht. Ich habe meinen Boxstall verlassen und meine eigene Promotion aufgebaut und sehr viel Arbeit damit gehabt. Nach dem Kampf kann ich endlich wieder aufatmen und vielleicht sogar mal zwei Wochen in den Urlaub fliegen und komplett relaxen.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf 'ne Coke treffen?
„Angelina Jolie. Ich mag sie als Person, sie hat sich extrem entwickelt. Sie würde ich gerne mal kennenlernen.“ 

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Die fünf Lieblings-Work-Out-Songs von Susi Kentikian:
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