Fünf Minuten – länger braucht man nicht bis zur Rundum-Erfrischung durch eine Coke. So lange brauchen wir auch für unser erfrischendes Interview mit dem Bestsellerautor Sebastian Fitzek. Der Berliner verrät uns, warum selbst Paketboten ihn auf Thriller-Ideen bringen und gibt Tipps, wie aus Hobby-Schrifstellern Erfolgsautoren werden können.

Sebastian Fitzek ist der Prototyp des Quereinsteigers. Der Lehrersohn will eigentlich nach der
Schule ins Musikgeschäft, studiert dann aber kurz Tiermedizin, später Jura. Schließlich
landet er beim Radio. Nebenbei schreibt Fitzek einen Psychothriller und sucht dafür – lange
vergeblich – einen Verlag. Heute zählt Fitzek, 43, zu den erfolgreichsten deutschen
Schriftstellern. Thriller wie „Abgeschnitten“, „Der Augenjäger“ und „Der Seelenbrecher“ werden
in über 20 Sprachen übersetzt. Auch in den USA und Großbritannien wird Fitzek hoch gelobt.
In seinem aktuellen Roman „Passagier 23“ (seit November auf Platz Eins der Spiegel-Bestsellerliste) verschwinden Menschen spurlos von einem Kreuzfahrtschiff. Wir haben mit dem Meister der menschlichen Abgründe telefoniert.


Coke, Coke Light oder Coke Zero?

Coke light! Auch wenn ich ein Mann bin, ist es mein absolutes Lieblingsgetränk. Und das trinke ich sehr exzessiv.

Auf 'ne Coke mit Sebastian Fitzek
Willkommen auf dem Alptraumschiff: Sebastian Fitzeks Passagier 23

In Ihrem Buch „Amokspiel“ trinkt Ihre Hauptfigur am liebsten Coke mit Zitronengeschmack...
Das stimmt. Die wiederum mag ich nicht so gerne. Darum wollte ich das vor der Abgabe eigentlich auch ändern. Die Figur hat sich aber in gewisser Hinsicht dagegen gewehrt, darum habe ich es dabei belassen. Das führte allerdings dazu, dass ich bei den Lesungen zum Buch immer eine Coke Lemon auf dem Tisch stehen hatte.

Stören wir Sie gerade beim Schreiben?
Nein, aber es geht jetzt tatsächlich wieder los. Ich schreibe drei bis vier Monate am Stück und lege mir keine weiteren Termine in diese Zeit. Ich versuche, morgens so früh wie möglich anzufangen und sieben bis acht Stunden am Stück zu schreiben.

Klingt sehr diszipliniert...
Für mich ist Schreiben geistige Entspannung. Es gibt so viele Dinge, die uns im Alltag ablenken, wir kommen kaum dazu, uns einmal wirklich auf eine Sache zu konzentrieren. Beim Schreiben kann ich das.

Sebastian Fitzek über Kinder und Krimis...

Stören drei kleine Kinder während des Schreibprozesses?
Ja, eindeutig. Darum arbeite ich auch nicht zuhause, sondern ziehe mich zurück. Ich habe eine Art Bürogemeinschaft mit eigenem Schreibtisch und schönem Ausblick auf einen Garten. Ich brauche die Diskrepanz zwischen dem Ausblick und dem, was ich schreibe ...

Ihre Bücher lesen sich eher so, als ob Sie in einem dunklen Kellerverlies schreiben würden. Können Sie eigentlich gut schlafen bei den blutrünstigen Geschichten, die Sie sich ausdenken?
Das kann ich sogar sehr gut. Es gibt Menschen, die in ihren Träumen Dinge verarbeiten. Ich mache das beim Schreiben.

Noch nie schweißgebadet aufgewacht in der Nacht?
Das bin ich sicherlich auch schon mal, das lag aber dann eher an einer Schilddrüsenunterfunktion...

Oder am nahenden Abgabetermin...
Damit mache ich mir eigentlich keinen Stress. Ein Buch ist fertig, wenn es fertig ist. Eigentlich ist ein Buch nie fertig. Ich könnte heute noch an meinem ersten Roman sitzen und würde Passagen ändern. Aber wir operieren ja nicht am offenen Herzen. Es stirbt niemand, wenn ich mein Buch einen Monat später abgebe als geplant.

80 Prozent Ihrer Leser sind weiblich. Was fasziniert Frauen so sehr an Psychopathen und Mördern?
Ich glaube, dass sich die Mehrheit nicht für die Psychopathen interessiert, sondern für ihre Motivation. Sie wollen etwas eigentlich Unerklärliches erklärt bekommen. Wir lesen in der Zeitung täglich von Kindsmorden, sinnlosen Taten wie im Fall Tuğçe oder von Serienmördern. Warum wenden diese Täter solch stumpfe Gewalt an? In der Literatur versuchen wir, die Hintergründe auszuleuchten. Das interessiert vor allem Frauen. Männer sind wahrscheinlich eher auf Filme gepolt.

Und Ihre Kinder sind glücklicherweise noch zu jung für Ihre Bücher...
Das stimmt, das Älteste ist vier Jahre alt. Das heißt, sie beschäftigen sich mit noch härterem Stoff. Ich habe zum Beispiel noch nie über eine alte Dame geschrieben, die zwei Kinder in den Ofen stößt. Das ist das Genre, mit dem wir unsere Kinder konditionieren. Das ist vielleicht auch der Grund, warum sich später viele für Schauermärchen und Kriminalliteratur interessieren.

Sie werden im jungen Alter quasi abgehärtet für Ihre Romane...
Ich mache mir nichts vor: Wenn ich sehe, welche Handyvideos heutzutage auf Schulhöfen getauscht werden, hätte ich als Heranwachsender monatelang nicht mehr schlafen können. Da werden meine Kinder über meine Bücher nur lachen...

Sebastian Fitzek findet Inspiration im Alltag

Wie kommen Sie eigentlich auf Stoffe? Geht’s bei Ihnen im Alltag immer so spannend zu?
Das nicht, aber mit etwas Fantasie kann ich aus alltäglichen Situationen spannende Geschichten entwickeln. Ein Beispiel: Es klingelte kürzlich ein Paketbote und fragte, ob ich das Päckchen eines Nachbarn annehmen könnte. Ich hatte den Namen noch nie gehört. Und schon schossen Gedanken durch meinen Kopf. Das Päckchen auf den Namen „Koslowski“ liegt tagelang bei uns, ohne dass es jemand abholt. Plötzlich höre ich in den Nachrichten die Meldung über einen blutrünstigen Ritualmord an einem Mann namens „Koslowski“. In dem Moment beginnt, ein Handy zu klingeln – in dem Paket. Und schon bin ich mittendrin in einem Psychothriller...

Sie brauchen nicht nur die Idee für eine Story, sondern auch für die Namen Ihrer Protagonisten...
Ich nehme grundsätzlich Namen, die mir persönlich gefallen. Deswegen tauchen auch die Namen meiner Kinder in meinen Büchern auf. Wenn ich Namen für absolute Hassfiguren und Serienmörder suche, passe ich aber auf, dass ich diese nicht im Telefonbuch oder über Google finde.



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Sebastian Fitzeks Tipps für junge Autoren

Mittlerweile werden Ihre Bücher weltweit verlegt und gefeiert. Ihr erstes Buch haben damals aber sämtliche Verlage abgelehnt. Was haben Sie daraus gelernt?
Ich habe gelernt, dass Verlage keine Bücher mehr lesen, die irgendjemand einschickt. In der Regel landen sie beim Praktikanten oder ungelesen in der Ablage, weil Verlage damit zugeschüttet werden. Darum setzen sie verstärkt auf Literaturagenten, die eine Art Vorsortierung durchführen. Ich habe mir einen dieser Lektoren gesucht und ihn nach seiner Meinung gefragt.

Wie konnte er Ihnen als Neuling helfen?
Er hat mir zunächst Fragen gestellt: Warum spielt Ihr Roman eigentlich in den USA? Ich antwortete, dass alle Thriller, die ich kenne, dort spielen würden. Er meinte, das sei falsch. Die Romane spielen dort, wo sich der Autor auskennt. Daraufhin habe ich den Schauplatz in meine Heimatstadt Berlin verlegt. Dadurch wurde das Buch viel besser.

Gibt es andere Beispiele, die Hobby-Schriftsteller beachten sollten?
Ich kann davon abraten, in der Ich-Perspektive zu schreiben. Das ist nämlich anspruchsvoller, als viele denken. Ungeübte Autoren versuchen, möglichst viele Gedanken zu beschreiben, die der Ich-Erzähler hat. Der Leser will aber mit einer Handlung unterhalten werden und nicht mit irrsinnig vielen Gedanken. Als mein Lektor mir diesen Tipp gab, habe ich mein komplettes Buch umgeschrieben. Es wurde gleich 100 Seiten kürzer, weil viele Beschreibungen der Gedanken wegfielen.

Wie oft lesen Sie sich denn Ihr fertiges Buch durch, bevor Sie es abgeben?
Natürlich lese ich mir meine Bücher mehrfach und vor allem laut durch. Das ist ein guter Tipp. Wenn Sie zum Beispiel anfangen, schneller zu lesen, kann das bedeuten, dass die Passagen zu langweilig sind. Wenn Sie beim Lesen stocken, sind die Formulierungen nicht ganz so gut gewählt.

Mit wem würde Sebastian Fitzek sich gern mal auf 'ne Coke treffen?
Depeche Mode. Ich war auf ihrem letzten Konzert, und das war der absolute Hammer. Die Melancholie in ihren älteren Songs finde ich fantastisch.

Am liebsten möchtet ihr auch ein Gespräch mit Sebastian Fitzek führen? Leider können wir das nicht arrangieren... Mehr von Sebastian Fitzek gibt es aber auf FacebookTwitter und YouTube!

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