Christopher von Deylen kommt mit einer schwarzen Sporttasche zum Interview ins Hauptquartier seiner Plattenfirma, direkt an der Spree in Berlin. „Die andere Tasche steht im Hotel”, sagt er. Der 45-Jährige hat seine Wohnung in Berlin aufgegeben, seit zwei Jahren lebt er mal hier, mal dort. „Shared economy, Air B'n'b und so weiter. Kann ich nur empfehlen.” Auch musikalisch ist Schiller ständig unterwegs zu neuen Ufern. Mal instrumental, mal mit Gesang oder großem Orchester. Die Ideen kommen ihm on the road, sagt er: bei langen Trips nach Indien oder in die Arktis. Seine Alben wie „Sehnsucht” oder „Sonne” standen auf Platz Eins der Charts.

Sein neues Werk „Future” hat er größtenteils ins Los Angeles aufgenommen und dann extra auf eine alte Tonbandmaschine von Telefunken überspielt, für einen weicheren und breiteren Klang. Ein Gespräch darüber, wohin die Reise geht, wenn man scheinbar schon alles erreicht hat. Und über einen Text von Sharon Stone.

Coke, Coke light, Coke zero oder Coke life?
Coke life. Am allerliebsten eigentlich die mexikanische Coca-Cola. Die Flasche hat ein etwas grünliches Glas, und die Cola wird mit echtem Zuckersirup gemacht. Danach kommt Coke life.  Ich bin sehr froh, dass es die jetzt auch hier in Deutschland gibt.“

Hast du deinen nächsten Urlaub schon gebucht?
„Nein, ich mache auch eher selten Urlaub…“

Du reist zumindest gerne…
„Das stimmt. Ich halte mich gerne an verschiedenen Orten auf. Das kommt der Tätigkeit des Reisens recht nah, aber es ist eigentlich kein Urlaub.“

Du lebst in dieser Zeit quasi an diesem Ort?
„Ja. Das war bei diesem Album ganz besonders so. Ich war überwiegend am Rande der Mojave-Wüste, drei Stunden östlich von Los Angeles. Ich habe nach 15 Jahren Berlin eine Großstadt-Pause eingelegt. Das hat nichts mit Berlin zu tun, die Stadt hat mir ja nichts getan (lacht). Eher schon mit der Tatsache, dass es mich in die Natur gezogen hat.“

Auf 'ne Coke mit Schiller
Routine brechen: Mit Future geht Schiller neue Wege

 Warum ist eine Großstadt so schlimm für einen Kreativen?
„Ich war kurz davor, die Mär der allesverheißenden Großstadt selbst zu glauben (lacht). Ich habe die Stadt zunehmend als eine Art Inspirationssimulator empfunden. Man steht unter dem Eindruck der ständigen Ablenkung. Du denkst, dass so wahnsinnig viel um dich herum passiert, weil es dort so viele Menschen aus aller Welt gibt. Das müsste doch unheimlich inspirierend sein. Aber diese Mischung aus Ablenkung und Zerstreuung hat mich zunehmend nervös gemacht. Es fiel mir immer schwerer, diesen Ventilator zu überhören. Darum musste ich ihn ausschalten und habe mich in die Natur begeben.“ 

Ich habe meinen Hausstand aufgelöst. Wenn du sowieso nur zwei Koffer hast, ist es auch egal.


Das hätte man auch in Potsdam haben können…
„Das ist richtig. Dort habe ich mich in den 15 Jahren Berlin auch oft aufgehalten. Aber als ich 2013 von einer langen Tour nach Berlin zurückkehrte, stellte ich fest, dass mein Besitz – eigentlich nicht mehr als ein Kühlschrank, Sofa und Tisch – angefangen hat, mich zu besitzen. Ich hatte das Gefühl, alles muss um mich herum in Berlin passieren, weil ich ja hier wohne. Dann habe ich meinen Hausstand aufgelöst. Wenn du sowieso nur zwei Koffer hast, dann ist es auch egal. Dann ist das andere Ende der Welt nicht weiter weg als Charlottenburg von Friedrichshain. Wenn schon, denn schon (lacht).“

Dich hat es für die Arbeit an „Future“ an den Rand der Mojave-Wüste gezogen. Trotzdem warst du öfter in der Millionenstadt Los Angeles…
„Vorwiegend, um mich mit meinen musikalischen Gästen zu treffen. Aber nach jeder Studio–Session habe ich ganz schnell die Flucht ergriffen. Trotzdem finde ich Los Angeles sehr spannend, und der Aufenthalt dort hat mir und dem Album gut getan, hoffe ich zumindest.“ 

In Los Angeles wartet keiner auf niemanden, du fängst bei Null an. Die Kraft muss aus dir selbst kommen.


Inwiefern?
„Ich habe eine Haltung an mir bemerkt, in der ich mich immer mehr auf meine selbst erschaffene Schiller-Insel zurückgezogen habe. Die liebe ich sehr, aber sie wurde gefühlt kleiner. Es fiel mir zunehmend schwer, auf andere Künstler zuzugehen. Die Versuchung war also groß, es sich gemütlich zu machen. Aber ich möchte das nicht so gerne. Scheinbar habe ich da ein „Gemütlichkeitsradar” (lacht). Das hat sich dezent zu Wort gemeldet. Los Angeles ist im Gegenteil dazu ein Boulevard der geplatzten Träume. Dort wartet keiner auf niemanden, als Künstler fängst du bei Null an. Die Kraft muss aus dir selbst kommen. Das war für dieses Album entscheidend.“

Auf 'ne Coke mit Schiller
Selfie beim Interview: Schiller

Es ist dadurch experimenteller geworden?
„Gute Frage. Es ist musikalisch womöglich offener. Ich habe versucht, den Schiller-Sound weiterzuentwickeln. Es ist natürlich wie jedes Werk eine Momentaufnahme. Die Zukunft wird zeigen, ob der Sound eine gewisse Gültigkeit behält oder ob ich ihn in einigen Jahren als Andenken ansehe, das den Test der Zeit nicht bestanden hat. Aber das gilt ja für jedes Album.“

Einige fühlen sich vielleicht vom neuen Schiller-Sound vor den Kopf gestoßen, was ich zumindest vereinzelt auch gelesen habe im Internet. Rechnest du damit, wenn du das Album produzierst?
„Das mag jetzt sehr bestimmt klingen, aber die Zuhörer dürfen während der Entstehung keine Rolle spielen. Wenn man einmal damit anfängt, den Sound, an dem man gerade arbeitet, mit anderen Ohren zu hören, hat man keine Chance mehr, in die Zukunft zu schauen...“

Dann wird man nicht fertig…
„..und es setzt eine Selbstzensur ein. Ich habe in dieser Phase ja schon genug mit mir selbst zu kämpfen. Da kann ich unmöglich versuchen, alle Geschmäcker zu berücksichtigen. Wenn das Album fertig ist und die ersten Stücke veröffentlicht werden, bekomme ich die Reaktionen natürlich mit. Aber das ist alles so wahnsinnig subjektiv. Es gibt vielleicht ein Stück, das von einigen Menschen als ‘Kommerz’  bezeichnet wird. Viele Radiostationen weigern sich aber vielleicht, genau denselben Song zu spielen, weil er ihnen ‘zu unkommerziell’ erscheint.“

 „Es ist schon meine Absicht, mit ‚Future' nicht den achten Aufguss der womöglich bewährten Schiller-Rezeptur zu verabreichen. Es gab Momente in der Vergangenheit – ich sage aber nicht, welche – in denen ich das mal ausgelotet habe. Ich habe versucht, jedes Stück überdeutlich nach Schiller klingen zu lassen. Danach hatte ich mitunter ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hatte, hinter meinen Möglichkeiten zurückzubleiben.“

Du wolltest es dir einfach machen?
„Nein, das nicht. Das kann ich gar nicht, frag mal meine Plattenfirma (lacht). Ich habe mir selbst wohl nicht genug vertraut. Ich dachte: ‚Eigentlich würdest du es ja gerne so machen, aber lieber nicht'. Bloß keinen Fehler machen! Ich kenne das ja, weil es mir unheimlich schwerfällt, vor Menschen zu reden. Und immer wenn du dir sagst: ‚Bloß keinen Fehler machen', dann ist es aus. Wenn du dir selbst traust und unbeschwert an die Sache gehst, hilft es. Da hat es mir auch sehr geholfen, mit so vielen jungen, neugierigen Künstlern zusammenzuarbeiten.“

Ich habe versucht, mit jeder Routine zu brechen. Ich wollte mich umerfinden, anstatt mich zurückzulehnen.


Weil die auch unbeschwerter an einen Song gehen als Musikschwergewichte wie Midge Ure oder Mike Oldfield, mit denen du schon zusammengearbeitet hast?
„Genau. Ich arbeite ja auch gern mit Veteranen zusammen. Musikern, die ihre eigene musikalische und künstlerische Rolle definiert haben. Sie wissen ziemlich genau, was sie können und was nicht. Gleichzeitig ist der Spielraum für Unvorhergesehenes bei ihnen überschaubar. Auf „Future“ sind dagegen viele Künstler vertreten, die ihre Rolle noch gar nicht gefunden haben. Die haben Schwächen, sind dabei aber trotzdem gut. Der gestandene Musiker würde in viele Bereiche gar nicht mehr vordringen wollen, weil er sich dort nicht sicher genug fühlt. Aber ich finde, es wird gerade am Besten, wenn menschliches Versagen im Spiel ist. Dann passieren Dinge, die man sich vorher nicht ausdenken konnte. Darum habe ich bei ”Future” versucht, mit jeder Form von Routine zu brechen. Ich wollte mich auf eine gewisse Weise umerfinden, anstatt mich zurückzulehnen.“


Du hast die Arbeit mit prominenten Künstlern angesprochen. Gab es mal Musiker, bei denen zu nachher die Zusammenarbeit bereut hast?
„Ja, gab es. Ich habe sie nicht direkt bereut, aber relativ brüsk abgebrochen. Das ist ein einziges Mal passiert, aber ich sage nicht, mit wem.“

Hast du einen Künstlerwunsch?
„Ich beharre darauf – auch wenn ich es schon zehn Jahre lang versuche – etwas mit Neil Tennant von den Pet Shop Boys zu machen. Ich lasse da nicht locker. (lacht)“

Auf deinem neuen Album vertonst du einen Text von Sharon Stone. Als ihr Agent damals in Los Angeles auf dich zukam: Dachtest du an die „Versteckte Kamera“?
„Nein, das dachte ich nicht. Ich habe die Authentizität komischerweise gar nicht in Frage gestellt. Es erschien mir einfach zu bizarr. Das hätte man nicht erfinden können. Das war in der Tat ein digitales Rendezvous, das als schöne Randnotiz mit dem Album verwoben ist.“

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Mit wem würdest du dich gerne mal auf 'ne Coke treffen?
„Alfred Hitchcock. Damit hast Du jetzt nicht gerechnet, oder? (lacht) Ich würde ihn gerne fragen, ob es stimmt, dass er sich während der Dreharbeiten tödlich gelangweilt hat, weil in seinem Kopf alles schon vorher fertig war. Die meisten seiner Filme sind so perfekt, dass man nach all den Jahren absolut nichts verändern kann, um sie besser zu machen. Ich empfinde eine Mischung aus Neid und Anerkennung. Ich würde gerne wissen, ob das blanker Zufall und Glück war – wie oft in der Kunst. Oder ob es einer akribischen Haltung geschuldet war – zu der ich selbst manchmal neige.“

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Die fünf Lieblingssongs von Schiller:

1. BURIAL // Untrue
Wunderbar düster, wunderbar melancholisch. ein toller Sounddrack für einsame Stunden. trotzdem kraftvoll und belebend.

 2. ULRICH SCHNAUSS // A Million Miles Away
Aals bekennender Ulrich Schnauss-Fan fällt es schwer, sich gezielt für einen Track von ihm zu entscheiden. „A Million Miles Away” ist ein moderner Klassiker, den ich regelmäßig in meiner wöchentlichen Sendung auf Klassik Radio spiele.

3. CHROMATICS // Lady
Gepflegte Langeweile. selten hat eine stimme desinteressierter geklungen. Ruth Radelet haucht den Tracks der Chromatics aus Portland/Oregon eine seltsam entrückte Distanziertheit ein, der man nicht widerstehen kann.

4. HANS ZIMMER // No Time For Caution
Einfach eintauchen. Hans Zimmer macht das, was er am besten kann: grossartige Akkorde, die sich endlos aufschichten und stets stilsicher das Gleichgewicht zwischen imposantem Breitwandkino und klassizistischem Anspruch zu halten vermögen

5. TANGERINE DREAM // Love On A Real Train
Immer noch der Inbegriff von Sequenzer-Musik. Perlende, ineinander verschachtelte Linien und eine wunderschöne, epische Weitläufigkeit.

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