BERLIN-FRIEDRICHSHAIN. Wir treffen uns beim Musiksender VIVA. Natalia Avelon co-moderiert die „Viva 100“-Charts. Sie kommt schon fertig geschminkt, ohne Manager oder PR-Agenten, in braunen, kniehohen Stiefeln, Jeans und nimmt sich eine Stunde Zeit.

Ihre Karriere beginnt vor zehn Jahren, und zwar steil. Sie spielt die Hauptrolle der Uschi Obermaier in dem Kinofilm „Das wilde Leben“. Fotomodell, Ikone, sexuelle Revolutionärin. Auch Avelon, damals Mitte 20, zeigt sich im Film freizügig. Plötzlich ist sie ein Star, wird überall erkannt. Für den Soundtrack zum Film singt sie mit HIM-Sänger Ville Vallo den Song „Summer Wine“ – ein Riesenerfolg.

Doch nach dem Aufstieg kommt erstmal nicht viel. Große Rollen bleiben aus, eigene Songs nimmt die in Polen geborene Schauspielerin nicht auf. Nun ist Natalia Avelon wieder da. Und wie.

Coca-Cola, Coke light, Coke Zero Sugar oder Coca-Cola Life?

„Auf jeden Fall Coke. Zucker, Original, nix mit Diät. Ich brauche die volle Dosis.“

Wir sind in den Räumen von VIVA und MTV. Welche Erinnerungen kommen dir da?

„Ich erinnere mich an VHS-Kassetten, auf die ich Sendungen und Musikvideos aufgenommen habe, um sie später auf Partys zuhause abzuspielen. Ich habe aber auch ganze Playlists vom Radio auf Musikkassette aufgenommen, sie oft mit Freunden getauscht. Die Moderatoren waren auch wichtig damals im Musikfernsehen. Markus Kavka, Ray Cokes, Heike Makatsch!“

Wie schaust du Musikvideos heute?

Wenn ich Künstler schätze, wie Sia oder Kanye West, dann gucke ich sie bei YouTube oder Apple Music an.“

Natalia Avelon - Selfie
SELFIE im VIVA-Studio: Natalia Avelon

Dort ist auch das Video zu „Summer Wine“ zu finden. Wie war es damals für dich, das Video bei VIVA zu sehen?

„Das war alles so surreal für mich. Ich war bei meinem Schauspieldebüt damals komplett grün hinter den Ohren, obwohl ich schon 25 Jahre alt war. Ich bin eben ein Spätzünder. Mit Ville Vallo von HIM zu singen – von dem sogar meine Mutter damals Fan war – und für den Song Platin zu bekommen, war wie ein Trip. Ich stand manchmal vollkommen neben mir, wenn ich mich im Fernsehen gesehen habe.“

Wie schnell sind diese zehn Jahre für dich vorbeigegangen?

„Für mich ist es so, als ob ich den Film und das Video gestern gedreht hätte. 10 Jahre? Absurd. Die Zeit verfliegt.“

Zum 10-Jährigen gibt es jetzt dein Album „Love Kills“. Kann man so etwas planen?

„Nein, das kannst du nicht planen. Aber es ist eigentlich ein schönes Geschenk an mich selbst. Absurd, dass ich eigentlich eine Newcomerin bin. Aber es ist tatsächlich mein erstes Album.“

Du hast mit bekannten Songwritern und Produzenten gearbeitet. Wie sehr konntest du dich selbst verwirklichen?

„Es ist zu 100 Prozent autobiografisch. Die Ideen stammen von mir und ich habe an vielen Texten mitgeschrieben und dabei viel von mir preisgegeben. Das kann man schon als Seelen-Striptease bezeichnen. Ich war ehrlich.“

In welcher Hinsicht?

„Man muss ja immer schauen, wo man im Leben gerade steht und was man erzählen möchte. In meinem Fall dreht sich alles um die Liebe, weil sie es ist, die mich motiviert und antreibt. Ich habe mich mit Verlusten und Abschieden beschäftigt, mit glücklicher und unglücklicher Liebe. Das Album hat mir zu einem Selbstbewusstsein verholfen, das ich vorher als Künstlerin nie hatte.“

„Ich habe Uschi Obermaier offenbar so gut gespielt, dass mich die Leute mit ihr verwechselt haben.“

Inwiefern?

„Songwriter, die Grammys gewonnen haben, haben mir zuhause Kaffee angeboten, wir haben uns auf die Veranda gesetzt und über Rock'n'Roll und Wodka-Sorten philosophiert. Sie waren absolut bodenständig, respektvoll und haben mit mir auf Augenhöhe kommuniziert und sich ernsthaft mit meinen Ideen befasst. Dieser Respekt hat mir viel gebracht.“

Hat dir dieser Respekt im Filmgeschäft gefehlt?

„Ich habe die Rolle der Uschi Obermaier offenbar so gut gespielt, dass mich die Leute mit Uschi verwechselt haben. Sie dachten: 'Ach, das Model aus Bayern'. Dabei musste ich für die Rolle erst Bayrisch lernen. Aber das hat niemanden interessiert. Sie sehen dich nackt und dann kommt schnell der Begriff 'Sexbombe' auf. Ich wurde in Schubladen gesteckt, wogegen ich dann rebelliert habe. Ich musste gegen viele Monster wie Vorurteile, Eifersucht und Skepsis ankämpfen, was anstrengend war und lange gedauert hat. Und dann das Argument, ich sei zu sexy für gewisse Rollen. Das ist doch verrückt! Ich bin Schauspielerin. Ich muss doch alles spielen und wandelbar sein können!  Aber man hat mir die Rollen dann eine lange Zeit nicht angeboten.“

Hast du in der Zeit an dir gezweifelt?

„Es gab Zeiten, in denen ich mich traurig und einsam gefühlt habe. Wenn du als Schauspieler nicht besetzt wirst, arbeitest du nicht. Du kannst Theater spielen oder Workshops machen. Aber du kannst nicht alleine für dich vorm Spiegel spielen. In der Musik kannst du Texte schreiben. Das ist ein gutes Ventil, Emotionen zu verarbeiten und kreativ zu bleiben. Als Schauspieler denkst du in gewissen Phasen: Bin ich nicht gut genug? Warum will man mich nicht? Das Thema, nicht gewollt zu werden, ist für einen Künstler schwer. Aber es ist der Beruf, den ich nun mal gewählt habe. Mittlerweile kann ich das einschätzen und weiß, dass es nichts mit mir persönlich zu tun hat.“

„Wenn ich auf's Konto geguckt habe, kamen schon mal Flashbacks an meine Studentenzeit in München.“

Kommen da auch mal Existenzängste auf?

„Die haben mich auch manchmal gepackt, ja. Wenn ich auf's Konto geguckt habe und da sah es nicht so rosig aus, kamen schon mal Flashbacks an meine Studentenzeit in München, in der ich pleite war. Da habe ich beim Callcenter vom FC Bayern gejobbt oder war Babysitterin, um meine Ausbildung zu finanzieren. An diese Situationen habe ich mich zurückerinnert und dachte mir: Was machst du, wenn du deine Miete nicht zahlen kannst? Aber es geht immer weiter. Existenzängste habe ich irgendwann zum Glück verloren.“

Natalia Avelon - Liebe
IMMUN GEGEN die Liebe? Der Richtige wird schon kommen, sagt Natalia Avelon. Der Falsche war schon da.

Wer hat dir in dieser Zeit geholfen?

„Du brauchst in der Branche generell einen guten, familiären Background und Freunde, die dich auf dem Boden halten, falls du abheben solltest und dich unterstützen, wenn du am Boden liegst.“

Welche Rolle hat die Musik in der Zeit schon gespielt? Hast du da angefangen, deine Situation in Texten zu verarbeiten?

„Das war dieses Selbstbewusstsein, das ich nicht hatte. Ich habe mir zu wenig zugetraut. Ich dachte: Du hast nicht die Stimme von Mariah Carey, kannst kein Klavier spielen. Anstatt zu sagen: „Summer Wine“ war Platin, die Leute mochten den Song und das Video. Ich stand mir selbst im Weg. Irgendwann habe ich mich davon freigemacht und in den vergangenen zwei Jahren meinen Traum verwirklicht.“

Auf deinem Album sind auch Musikerkollegen wie BossHoss und Bela B. zu hören. Wie kamen die Kontakte zustande?

„Das hat sich einfach so gefügt. Ich habe nicht gesucht, sondern gefunden. Die Jungs von BossHoss hab' ich beim Grillen bei Franziska Knuppe kennengelernt, Bela schon vor Jahren in einer TV-Show von Oli Schulz. Die drei fanden die Songs, die ich ihnen geschickt habe, geil und wollten unbedingt mitmachen.“

„Ich suche nicht, ich finde“, das ist für viele auch das Motto in der Liebe. In deinen Songs geht es viel um dieses Thema...

„Ich suche nicht, finde aber auch nicht. Bei mir ist seit zwei Jahren Ebbe. Ich hatte natürlich Partner im Leben. Die habe ich aber nie gesucht, war im ersten Moment auch gar nicht an ihnen interessiert. Ich bin kein Fan von One-Night-Stands, bei denen es vornehmlich um Optik geht. Ich brauche Charakter. Ich muss mich unterhalten können, Hobbys und Musik teilen können. Wenn jemand Techno oder Hardcore-Metal hört, würde es wahrscheinlich eher nicht passen.“

„Ich liebe Berlin, aber hier gibt es unheimlich viele Poser. Berlin ist schwer, was Männer angeht.“


Es ist im großen und schnellen Berlin nicht gerade einfach, den passenden Partner zu finden...

„Ich liebe Berlin, aber hier gibt es unheimlich viele Poser. Die posten Bilder bei Instagram, als seien sie irgendwelche Künstler. Und dann lernst du die Leute kennen und bist enttäuscht. Ich kann mit Posern nichts anfangen. Berlin ist schwer, was Männer angeht.“

Ich kann mir vorstellen, dass Uschi Obermaier nicht gerade geholfen hat, den richtigen zu finden..

„Auf gar keinen Fall. Frauen wurden grundlos eifersüchtig, Männer hatten Berührungsängste, mich kennenzulernen. Ich bin nicht die kleine Maus von Mexiko, sondern habe, so sagt man mir, ein dominanteres Auftreten. Vielleicht schreckt das auch einige ab. Aber der Richtige wird schon kommen, da bin ich ganz entspannt. Der Falsche war schon da.“

Was du ja auch in deinem Song „In Another Life“ verarbeitest...

„Genau. Seelenverwandt zu sein, heißt nicht, dass man auch zusammengehört.“

Wo siehst du dich in Zukunft eher: im Musik- oder Filmgeschäft?

„Ich bin da offen. Ich bin Schauspielerin und verwerfe diesen Beruf nicht, nur weil ich ein Album aufgenommen habe. Ich bin Künstlerin, liebe auch Malerei oder Fotografie. Das ist meine Welt. Ich will keine Schubladen oder Scheuklappen, sondern frei sein.“

Mit wem würdest du dich mal gerne auf 'ne Coke treffen?

„Ich hätte gerne einen Tag mit David Bowie verbracht und mit ihm gequatscht. Als Künstler und Mensch ist er mein absolutes Idol.“

Fünf Lieblingssongs von Natalia Avelon


1. N.E.R.D.: „Rock Star“
„Die Band um Pharrell Williams hat mich schon immer motiviert. Den Song höre ich
morgens und gehe ab: Geiler Beat, geiler Groove, geile Lyrics. Motivation für den ganzen Tag.“

2. DAVID BOWIE: „Ashes To Ashes“
„David Bowie ist mein absolutes Idol! Als ich mit Guy Chambers gearbeitet habe, lag ein großes, von Bowie original signiertes Buch in seinem Studio. Irgendwie war Bowie quasi bei der Entstehung meines Albums dabei.“ 

 3. Nancy Sinatra & Lee Hazlewood: „Summer Wine“
„Dieser Song und der Film, für den wir ihn gecovered haben mit Ville Valo, wird mir immer Tränen in die Augen schießen lassen, weil er mein Leben auf den Kopf gestellt hat! Nancy war eine große Inspiration für mein Album."

4. Michael Jackson: „Another Part Of Me“
„Meine erste große Liebe. Ich war in sein Lachen verknallt und liebe seine Kunst. Er inspiriert mich in jeder Hinsicht. Ich liebe die Message der Lyrics: Eigentlich sind wir alle gleich und miteinander verbunden. Und Liebe ist das, was alles zusammenhält."

5. Red Hot Cili Peppers: „Dark Necessities“
„Der Song spricht eine dunkle Seite von mir auf sehr melancholische Art und Weise an, die definitiv sehr wichtig für meine Kreativität ist. Und Fleas Art, Bass zu spielen, ist purer Sex! Die Jungs begleiten mich seit meiner Jugend. “

Folge Natalia Avelon auf Facebook und auf Instagram!