Jeden Monat gibt’s auf Journey erfrischende Interviews mit Promis aus Show und Sport. Heute: Mark Reeder. Der Brite lebt seit den 70ern in Berlin und kennt die Musikszene von Ost- und West-Berlin in- und auswendig. Wir sprechen mit ihm über seine Freundschaften zu Nick Cave, den Toten Hosen, den Ärzten sowie über den musikalischen Wandel nach dem Mauerfall. Und warum er ausgerechnet den verpasst hat.

Mark Reeder – Jugendbild
„BERLIN war hemmungslos“: Mark Reeder, damals

AM 9. NOVEMBER 1989 fiel nicht nur die Mauer. Auch die 80er Jahre waren endgültig vorbei. Mark Reeder hat sie miterlebt, als Musiker, Produzent und Autor. Heute ist er bekannt als Remixer von New Order oder den Pet Shop Boys. Aber als er Ende der Siebziger nach Berlin kommt, hat er gerade seinen Job als Werbegrafiker geschmissen. Musik ist sein Leben. Vor allem die deutsche New Wave- und Punkrock-Szene zieht ihn an. In Westberlin arbeitet er als Produzent und Tontechniker, unter anderem mit Malaria!, den Toten Hosen, Joy Divison und Nick Cave. In dem hochgelobten Kinofilm „B-Movie: Lust und Sound in West-Berlin 1979-1989" dokumentiert Reeder die wilde Clubszene und das Lebensgefühl einer Generation. Wir treffen ihn kurz vorm Jahrestag des Mauerfalls in einem Café in Berlin-Kreuzberg. 

Coke, Coke Light, Coke Zero oder Coke Life?
„Ich trinke so gut wie nie Coke. Wenn, dann aber die neue Life.“

Du lebst seit über 30 Jahren in Deutschland. Was ist denn noch typisch britisch an dir?
„Teetrinken! Aber nur zuhause. Die Deutschen können leider keinen richtigen Tee machen.”

Den ersten Kontakt mit deutscher Musik hattest du in den 70ern bei deinem Job in einem Plattenladen in Manchester...
„Wir hatten dort einige deutsche Platten, etwa von Kraftwerk. Ich habe schnell gemerkt, dass diese Songs nichts mit Popmusik zu tun haben. Die deutschen Bands wollten keine Hits landen wie die in Großbritannien. Als Kraftwerk dann mit „Autobahn” einen Hit in den britischen Charts  hatte, konnte ich das gar nicht fassen. Ich war entsetzt. Die Leute, die dazu getanzt haben, hatten keine Ahnung, wo diese Musik herkommt. Es war bloß ein Moment, ein One-Hit-Wonder. Ich habe in unserem Laden eine deutsche Ecke aufgebaut und gepflegt. Der Punkrock aus dieser Zeit hat mich sofort geflasht.”

Warum?
„Die Musik hat einfach unsere Generation widergespiegelt. Es ging um Langeweile, Arbeitslosigkeit, Frustration über die Gesellschaft.”

Mark Reeder – Elternhaus in Manchester
TATORT JUGENDZIMMER: Mark Reeder hängte ein Sex-Pistols-Poster ins Fenster (oben links). Eine Stunde später kam die Polizei

Und auch die Eltern...
„Wobei meine Eltern nicht konservativ waren, sondern aus der Arbeiterklasse stammten. Aber mein Nachbar war ein leidenschaftlicher Royalist. Als ich das „God save the Queen”-Poster von den Sex Pistols in mein Fenster hing, hat er die Polizei gerufen. Ich musste es dann abnehmen und dachte: In was für einem Staat lebe ich eigentlich? Da begann meine Verzweiflung an England.”

Du bist dann 1978 nach Deutschland gezogen. Konnten deine Familie und Freunde das verstehen?
„Nein. Für Engländer war es zu der Zeit immer noch das böse Nazi-Deutschland. Wir haben in der Schule nichts anderes über das Land erfahren. Als mich meine Eltern später besuchten, hat mein Nachbar nicht mehr mit ihnen geredet. Aber alle Freunde, denen ich das Land gezeigt habe, waren verblüfft. Es war so anders, als sie es sich vorgestellt hatten. Dennoch würde ich sagen, dass erst die Weltmeisterschaft 2006 den 2. Weltkrieg beendet hat – in den Köpfen der Menschen. Deutschland hat sich dort so bunt präsentiert. Das war für mich ein wichtiger Punkt.”

Berlin war eine dreckige Stadt. Ein bisschen wie Manchester. Ich fühlte mich sofort zuhause.


Du bist zu Beginn durch mehrere deutsche Städte gereist und dann nach West-Berlin gekommen. Was war dein erster Eindruck?
„Geil! Die Stadt war ganz anders als die anderen deutschen Städte. Die waren sauber, aufgeräumt und neu. Hier habe ich ausgebrannte Gebäude gesehen, Schusslöcher in den Wänden, das fand ich faszinierend. Berlin war eine dreckige Stadt. Sie hatte kein schönes Ambiente auf den ersten Blick. Ein bisschen wie Manchester. Ich fühlte mich sofort zuhause.”

Mit welchen Worten würdest du die damalige Clubszene West-Berlins beschreiben?
„Sie war sehr vielfältig: Du hattest Hippie-Läden wie das Sound in Schöneberg. Im SO36 hattest du tiefgründige New-Wave-Bands, vor allem aus England. Die Festivals mit deutschen Bands wie das 17. Juni-Konzert waren legendär. Aber Berlin war auch hemmungslos. Es gab hier keine Tabus. Viele sind aus Dörfern und kleinen Städten nach Berlin geflüchtet, mit einer Sehnsucht. Die hat Berlin ihnen erfüllt.”

Wann hast du gemerkt, dass Berlin anders ist?
„An meinem zweiten Tag in Berlin bin ich in eine Eckkneipe gegangen, weil ich Kleingeld fürs Telefonieren brauchte. Plötzlich steht ein Zwei-Meter-Typ auf, ein Transvestit mit roter Perücke, und fragt mich, was ich möchte. Da dachte ich: Das ist Berlin! Das hat man bei uns nicht gesehen. Ein Transvestit, ringsherum Bauarbeiter, und es war total normal. So habe ich mir Berlin  vorgestellt. Diese Leute hat es nach Berlin gezogen, weil sie zuhause nicht so hätten rumlaufen können. Diese Freiheit habe ich in allen Lebensbereichen gespürt.”

Du hattest hervorragende Kontakte in die Punkszene, hast als Manager und Mixer von Malaria! gearbeitet und auch den jungen Campino kennengelernt...
„Ich war damals zu einer Veranstaltung in Bochum eingeladen, und Campino war mein Fahrer. Da hat er mir erzählt, dass er eine Band gegründet hatte: Die Toten Hosen. Der Bassist Andy  suchte später eine Bleibe in Berlin, um vor der Bundeswehr zu fliehen. Ich habe ihm  angeboten, dass er sich bei mir anmelden kann. Und dann wurde ich ihr Mixer bei  Live-Konzerten.“

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Und auch die Anfänge der Ärzte hast du hautnah miterlebt...
„Ich hatte 1983 eine sehr erfolgreiche Musikshow im britischen Fernsehen. Die Ärzte hatten gerade ein oder zwei Konzerte gespielt, und ich wollte sie in meiner Show vorstellen. Ich sagte ihnen, sie hätten die einmalige Chance, die Engländer zu beeindrucken und müssten sich etwas einfallen lassen. Sie haben dann ihr „Eva Braun”-Stück gemacht, und es hat geklappt. Die Leute fanden es super.”

Gibt es eine Erklärung dafür, dass Die Toten Hosen und Die Ärzte es geschafft haben, bis heute erfolgreich zu sein?
„Die Loyalität der Fans, aber auch die Loyalität der Bands: Sie bleiben ihrem Musikstil treu. Sie haben sich nicht so wahnsinnig verändert. Natürlich haben sie ihr musikalisches Können und ihre Produktion verbessert und sind auch superkreative Leute. Ich bin jedenfalls froh, dass ich meinen kleinen Anteil an ihrer Bandgeschichte habe.”

Wie kam es dazu, dass Nick Cave in den 80ern bei dir eingezogen ist?
„Ich habe damals in einer alten Wohnung in Kreuzberg gewohnt, mit Außentoilette und ohne heißes Wasser. Nick hat sich bei einem seiner Konzerte in eine Freundin von mir verliebt. Er fragte mich danach ständig, wie man in Berlin eine Wohnung findet. Ich meinte, er solle erstmal bei mir einziehen und von dort eine Wohnung suchen. Drei Wochen später stand er plötzlich mit zwei Koffern vor meiner Tür. Er hat mit meiner Bekannten eine Affäre begonnen. Eines Tages tauchte dann seine Freundin Anita auf, als er nicht zuhause war. Es gab etwas Stress...”

Du bist damals oft nach Ost-Berlin gereist. Was waren deine Eindrücke von dort?
„Ohne Ost-Berlin wäre ich damals nicht so lange geblieben. Ich fand den Osten faszinierend. Er hat mich an einen Science-Fiction-Film erinnert. Die Leute mussten unter extremen  Bedingungen leben. Mir taten die Fans leid, die die gleiche Musik hörten wie ich. Wenn ich über ein Konzert im SO36 gesprochen habe, wusste ich: Sie würden solche Bands auch gerne sehen. Ich habe ihnen dann immer die neuste Musik mitgebracht, die ich im Westen gekauft habe. Am Anfang wollte ich noch LPs schmuggeln, aber das war irre schwer. Singles und Kassetten gingen besser. Ich habe sie an den Körper geklebt, das war schon aufregend.”

Du hast aber nicht nur Kassetten geschmuggelt, sondern auch Die Toten Hosen...”
„Stimmt, das war 1983. Wir haben es so eingefädelt, dass eine Ost-Band namens Planlos einen Gig in der Erlöserkirche in Berlin-Rummelsburg angemeldet hat. Die Toten Hosen sollten dann quasi eine Vorband sein, von der keiner wissen durfte. Wir haben sie als Touristen über die Grenze geschleust und das Konzert mit den Instrumenten von Planlos gespielt. Das war irre aufregend. Wir wussten ja nicht, ob jemand von der Stasi dabei war. Wir haben nur wenige Leute eingeladen, alles topsecret. Wir wären sonst alle verhaftet worden. Ich als Brite hatte keine große Angst. Aber ich war besorgt um meine Freunde aus dem Osten.”

Ich war als „subversiv” eingestuft, weil ich nach Ansicht der Stasi die Jugend der DDR gefährdete.


Aber auch du hattest eine Stasi-Akte...
„Ich war als „subversiv” eingestuft, weil ich nach ihrer Ansicht die Jugend der DDR gefährdete. Sie haben mich genau unter die Lupe genommen. Das staatliche Plattenlabel Amiga bot mir an, ein Album der Ost-Band Die Vision zu produzieren. Damit hatten sie mich praktisch jeden Tag unter Kontrolle.”

Wie hast du den Mauerfall erlebt?
„Gar nicht! Die Studioaufnahmen für Die Vision fanden in der Brunnenstraße statt, direkt an der Mauer. Am 2. November 1989 hatten wir den letzten Song aufgenommen. Dann wollte ich zwei Wochen in den Urlaub, bevor ich die Platte zu Ende mische. Ich bin in der Nacht vom 8. auf den 9. November mit britischen Freunden nach Rumänien gefahren, über Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn. In all der Zeit haben uns die Leute, die wir getroffen haben, nichts vom Mauerfall erzählt. Erst zehn Tage später in Ungarn habe ich es zufällig in einer alten Zeitung gelesen. Ich dachte, es sei ein Satiremagazin, unfassbar.”

Nach deinem Urlaub war alles anders...
„Wir haben uns dann entschlossen, die Platte in West-Berlin zu Ende zu produzieren, weil die Band neugierig war, wie dort die Studios aussahen. Wir haben das Album also in Ost-Berlin eingesungen und in West-Berlin abgemischt – die erste Ost-West-Co-Produktion. Die Platte „Torture” wird im nächsten Jahr übrigens wieder veröffentlicht...”

Wie hat sich die Wiedervereinigung musikalisch ausgewirkt?
„Für mich nicht wirklich. Ich habe schon in den 80er Jahren elektronische Disco-Musik und House gemocht. In West-Berlin hörten das aber nur wenige Leute. Es gab bloß einen entsprechenden Club, das Ufo. Der Osten hat Techno zu einer Bewegung gemacht. Auf dem Mauerstreifen blühte die Partyszene, die Kids aus dem Osten kamen zum ersten Mal mit Drogen wie Ecstasy in Kontakt. Alle – aus Osten und dem Westen – tanzten zur gleichen Musik. Alle waren vereint. Der ganze Stress war weg. Es war einfach nur geil.”

Mark Reeder - heute
VON DER STASI als „subversiv“ eingestuft: Mark Reeder schmuggelte Die Toten Hosen nach Ost-Berlin

Wie empfindest du vor diesem Hintergrund das Berlin des Jahres 2015?
„Ich finde es relaxter. Früher war alles anstrengender. Berlin ist zwar größer geworden, aber im Vergleich zu anderen Städten ruhiger.”

Es ist auch weniger rebellisch, die Hausbesetzer-Szene gibt es zum Beispiel nicht mehr. Schade?
„Ach, das ist immer eine Frage des Zeitalters. Das ist der Preis des Kapitalismus. Damit musst du leben, die Uhr können wir nicht zurückdrehen. Früher wollte niemand hier investieren. Ich wusste schon damals, dass sich das ändern wird nach der Wiedervereinigung. Es wurden auch Menschen angelockt, die das große Geld machen wollten. Aber die gehen auch wieder. Entweder du liebst Berlin und bleibst – oder du saugst es ein paar Jahre auf und gehst wieder weg. Weil du dein Ziel nicht erreicht hast.“

Was wünschst du dir von Berlin?
„Ich hoffe, die Mentalität von Berlin bleibt. Die Toleranz darf nicht verschwinden, das ist das Wichtigste an dieser Stadt. Wenn die Toleranz geht, können wir alle gehen. So eine Stadt findet man nicht zweimal auf der Welt. Berlin ist in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes.”

Das Wichtigste an Berlin ist die Toleranz. So eine Stadt findet man nicht zweimal auf der Welt.


Wie groß ist deine Plattensammlung eigentlich heute?
„In den 80er Jahren musste ich leider ausmisten, weil meine Sammlung zu groß wurde. Ich habe Tausende von Platten verkauft. Mittlerweile habe ich aufgehört zu zählen. Ich habe Extra-Räume, auch wenn meine Frau es nicht lustig findet. Das Umziehen war sehr schwierig...”

Mit wem würdest Du dich gerne mal auf ne Coke treffen?
„Ich könnte mir eine Menge lebender Leute aussuchen, aber ich nehme Ian Curtis, den früheren Sänger von „Joy Division“. Es wäre nett, nochmal mit ihm zusammenzusitzen und von ihm Abschied zu nehmen.“

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