EIN HOTELZIMMER im Soho House in Berlin. Auf dem Tisch noch die Reste des Abendessens, eine leere Flasche Coke. Kygo lässt sich auf das rote Samtsofa sinken.

Er sieht immer noch aus wie Kyrre Gørvell-Dahll, ein ganz normaler Jugendlicher in Norwegen, der im idyllischen Bergen lebt. Der Fußball spielt, Rockmusik liebt und als Feuerwehrmann bei der Armee arbeitet. Doch Kyrre hat einen neuen Job. Er fliegt im Privatjet um die Welt und arbeitet jetzt mit Coldplay und John Legend.

Denn Kyrre hat ein neues Hobby entdeckt: Er experimentiert am PC mit bekannten Popsongs, bastelt Remixe in seinem eigenen Stil und stellt sie ins Internet. Was dann passiert, kann er bis heute kaum fassen. Seine Dance-Versionen werden millionenfach geklickt. Plattenfirmen werden auf ihn aufmerksam, obwohl er sein Gesicht im Netz zunächst nicht zeigt.

Doch wird der junge DJ durch Hits wie „Firestone“, „Stole the Show“ und „Stay“ weltweit ein Star. Alle lieben seinen Sound, seine neue Interpretation von House-Music: langsamer und sinnlicher, dazu Flöten, Marimba und Steel-Drum. 
Von Tropical House ist oft die Rede. Auch Rihanna und Justin Bieber haben diesen Stil schon für sich entdeckt.

Mittlerweile wurden Kygos Mixe allein bei Spotify mehr als eine Milliarde Mal gestreamt. Und auch in der guten alten Welt der Kaufmusik hat er bereits sieben Millionen Singles abgesetzt. Dabei erscheint sein Debüt-Album „Cloud Nine“ erst im Mai.

Aber jetzt sitzen wir erst mal auf dem roten Samtsofa. Los geht’s.

Coca-Cola, Coke light, Coke Zero oder Coca-Cola Life?
„Das ist schwer. Heute habe ich schon Coke und Coke light getrunken. Ich denke, die normale Coke schmeckt mir am Besten.“

 Kannst du dich noch an das erste Foto erinnern, das du bei Instagram gepostet hast?
„Ja, daran erinnere mich. Da war ich auf dem Weg zu meiner ersten Show...“

...am Flughafen kurz vor dem Abflug nach Paris, ziemlich genau vor zwei Jahren...
„Echt? Das fühlt sich doppelt so weit weg an. Eine lange, lange Zeit. Seit dieser Show ist so viel passiert.“

Kannst du dich an den Tag noch erinnern?
„Ja, kann ich. Ich war auf dem Weg nach Paris, und das fühlte sich ziemlich unecht an. Dass ich einen Gig in Paris hatte. Es war ein cooler Ort für meine erste Show. Und es war das erste Mal, dass ich meinen Manager persönlich getroffen habe.“ 

Kygo - Selfie
SELFIE beim Interview: Kygo 

Als du für den Gig gebucht wurdest, hattest du noch keine Ahnung vom DJ-Beruf – oder?
„Das stimmt. Sie hatten mich sechs Monate vorher angerufen und gefragt, ob ich auflegen könne. Ich meinte, dass ich noch nie als DJ gearbeitet habe und nicht wisse, wie das geht. Dann habe ich mir Equipment gekauft und mir alles selbst beigebracht.“

 Bevor du angefangen hast, Remixe von bekannten Songs zu produzieren und ins Netz zu stellen, hattest du ein normales Leben in Norwegen. An welchem Punkt hast du dich entscheiden, Elektromusik zu produzieren?
„Ich habe zunächst Melodien auf dem Klavier gespielt. Dann habe ich Avicii gehört. Diese melodischen Progressive-House-Songs haben mich inspiriert. Ich habe dann Studiozubehör gekauft und gelernt, Musik zu produzieren.“

Hättest du damals gedacht, dass du zwei Jahre später dein erstes Album mit deinen eigenen Songs rausbringst?
„Nein, damals hatte ich nur einen Traum. Ich wollte reisen, Musik vor tausenden von Leuten spielen. Aber ich hätte nie gedacht, dass das auch passiert.“

Kygo – Cloud Nine

DEBÜT: „Cloud Nine“ von Kygo


 Einige Zeit davor warst du noch als Backpacker unterwegs...
„Ja, meine damalige Freundin und ich sind durch Asien gereist, haben in Schlafsälen und billigen Hotels übernachtet. Danach bin ich noch mit einem Freund, den ich in Singapur kennengelernt habe, sechs Wochen durch Australien getourt. Das war eine verrückte Zeit und hat viel Spaß gemacht. Es ist cool, diese Teile der Welt kennenzulernen.“

Normalerweise tauscht man auf Reisen Nummern und Facebook-Namen aus. Haben dich Leute, die du dort kennengelernt hast, später mal angeschrieben, als du plötzlich berühmt warst?
„Ich erinnere mich, dass ich in Laos zwei Australier kennengelernt habe, die ich noch als Freunde bei Facebook habe. Ich hatte schon länger keinen Kontakt, aber ich habe ihnen damals ab und an Tracks von mir geschickt und gefragt, was sie davon halten.“

Ich will irgendwann wieder mit dem Rucksack reisen.


Auch jetzt bist du auf der ganzen Welt unterwegs. Was ist der Unterschied zu früher?
„Beim Backpacken habe ich viel mehr von den Orten gesehen, habe Touren durch den Dschungel gemacht oder lag am Strand. Inzwischen ist es gewissermaßen: rein und raus. Ich kann das nicht vergleichen, aber ich will irgendwann auf jeden Fall wieder mit dem Rucksack reisen.“

Glaubst du, das ist noch möglich?
„Warum nicht? Ich würde gerne nochmal Südamerika sehen, das ist so fantastisch. Aber ich würde keine Konzerte spielen, einfach nur Tourist sein.“


Kennst du Cro?
„Nein.“

Ein deutscher Rapper, der sein Gesicht öffentlich nicht zeigt. Am Anfang deiner Karriere hast du zunächst auch keine Bilder von dir gepostet. Mittlerweile kennt man dich. Wünscht du dir manchmal, das wäre anders?
„Ja, definitiv. Es wäre sehr praktisch, wenn keiner wüsste, wie ich aussehe. Dann könnte ich reisen, ohne dass es groß auffällt. Aber dafür ist es jetzt wohl zu spät.“

Ist das etwas, das du an deinem „neuen“ Leben nicht magst?
„Es nervt nicht direkt. Aber ich wollte nie berühmt werden. Die norwegischen Zeitungen schreiben viel über mich, jeder kennt mein Gesicht und man erkennt mich im Supermarkt. Meistens ist es schön. Die Leute sagen mir, dass sie meine Musik gut finden und machen ein Foto. Es kann ab und an auch anstrengend werden. Wenn es zehn Minuten dauert, um Milch zu kaufen, weil ich so viele Menschen treffe. Das sind Dinge, die einfacher wären, wenn ich eine Maske tragen würde und keiner mich erkennt.“

 Glaubst du, dass dieser Lebensstil Menschen auch verändern kann?
„Definitiv. Du kannst sehen, dass sich viele Leute dadurch verändern. Ich persönlich mache mir aber keine Sorgen. Ich habe meine alten Freunde, die sich nicht verändert haben. Ich kann ein Riesenkonzert wie Coachella spielen, komme nach Hause, und sie behandeln mich nicht anders. Ich bin ja immer noch derselbe Mensch, den sie schon das ganze Leben lang kennen. Ich denke, das ist wichtig: seine alten Freunde zu behalten. Wenn du berühmt wirst und sich dein Freundeskreis plötzlich ändert, wenn du nur noch mit Prominenten abhängst, kannst du die Bodenhaftung verlieren.“

Wenn du nur noch mit Prominenten abhängst, kannst du die Bodenhaftung verlieren.


Du bist ständig auf Tour, sitzt in Fliegern, triffst neue Leute. Brauchst du manchmal Zeit, das sacken zu lassen?
„Ja, manchmal. Es ging doch recht schnell in den letzten beiden Jahren. Es ist immer gut, ein paar Wochen zuhause zu verbringen, zu relaxen und etwas Abstand zu bekommen. Es passiert so viel, und es ist manchmal hart, das zu verarbeiten. Ich schaue mir dann Fotos von meinen Shows an und sehe, wie viele Leute dort waren. Viele Dinge sehe ich erst im Nachhinein. Auf der Bühne fokussiere ich mich auf meine Arbeit.“

Was war das Verrückteste, das du in den letzten zwei Jahren erlebt hast?
„Puh, da gab es so viele Highlights. Die großen Festivals zu spielen – davon habe ich früher geträumt. Ich habe in meiner Heimatstadt gespielt und dafür ein Hotel für ein ganzes Wochenende gemietet. Ich habe bei der Nobelpreisverleihung gespielt und stand mit a-ha auf der Bühne – norwegische Legenden. Es ist so viel Verrücktes passiert.“

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Vermisst du manchmal Stille in deinem Leben?
„Ja. Ich genieße es in der Tat, zuhause zu sein. Musik machen, ins Fitnessstudio gehen, mit Freunden ausgehen und Zeit mit meiner Freundin verbringen. Ich mag dieses 'normale' Leben. Auf Tournee ist das Leben alles andere als normal. Irgendetwas passiert immer. Eine Stunde ausruhen im Hotel, Soundcheck, Show, ab zur nächsten Show. Wenn ich einen Monat unterwegs bin, fange ich an, mein Zuhause zu vermissen.“

Und nach sechs Wochen Norwegen: Vermisst du dann den Lärm in deinem Leben?
„Manchmal. Aber ich sehe mich vor allem als Produzent. Darum liebe ich es, im Studio zu sein. Wenn ich wählen müsste – ständig auf Tour sein oder Musik produzieren – würde ich mich definitiv für die Musik entscheiden. Ich könnte ein ganzes Jahr im Studio verbringen.“

Wo schläfst du denn besser: Zu Hause oder im Hotel?
„Zuhause. Da wohne ich in einem Haus direkt am Meer. Das Leben im Hotel ist komfortabel und du bekommst Frühstück. Aber ich fühle mich zuhause am Wohlsten. Außer meinem Vater habe ich keine direkten Nachbarn. Ich kann also in Ruhe Musik machen.“

Fans stören die Ruhe auch nicht?
„Nein. Einige in der Straße wissen wohl, dass ich dort wohne. Aber sonst niemand.“

Findest du dort auch die Inspiration für deine chilligen Tropical-House-Tunes?
„Ja. Meistens zuhause, wenn ich entspanne. Da fühle ich mich inspiriert, experimentiere mit verschiedenen Sounds und setze die Versatzstücke zusammen. Manchmal inspirieren mich aber auch Elemente in anderen Songs.“

Wie lange dauert es, bis du mit einem Track hundertprozentig zufrieden bist?
„Das kommt drauf an. Manchmal eine Woche, manchmal einen oder zwei Monate. Die Instrumentalversion von „Fragile“ habe ich zum Beispiel schon vor eineinhalb Jahren im Studio mit einem Gitarristen aufgenommen. Vor drei Monaten hat es dann der britische R&B-Sänger Labrinth in London eingesungen. Man könnte also sagen, die Arbeit an diesem Track hat eineinhalb Jahre gedauert.“ 

Der Grund, warum ich elektronische Musik mache, ist Avicii. Er hat mich wirklich inspiriert.


Welche Person, die du im letzten Jahr kennengelernt hast, hat dich am meisten inspiriert? „Das waren einige. Aber der Grund, warum ich elektronische Musik mache, ist Avicii. Er hat mich damals wirklich inspiriert. Ich wollte die gleiche Musik machen wie er. Ich kann mir in der einen Woche eine bestimmte Art von Musik anhören, in der nächsten Woche dann eine komplett andere Musikrichtung. Ich werde also von vielen Stilen inspiriert.“

Du triffst ja mittlerweile nicht nur bekannte Musiker, sondern auch andere Berühmtheiten...
„Ja, ich habe einige TV-Shows gemacht in den USA. Bei Ellen de Generes habe ich Kevin Hart backstage getroffen, und er war sehr lustig. Bei Jimmy Fallon war Kevin Spacey zu Gast. Es war ziemlich cool, ihn kennenzulernen, weil ich „House of Cards“ gucke.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf 'ne Coke treffen?
„Ich mag Will Farrell sehr gerne, einer meiner Lieblingskomiker. Es wäre sicher lustig, mit ihm eine Coke zu trinken.“

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TOUR

29.03.2015 – Köln - Palladium

02.04.2015 – Offenbach - Stadthalle

04.04.2015 – Zürich - MAAG Halle

07.04.2015 – Wien - Gasometer

08.04.201 – München - Zenith

10.04.2015 – Berlin - Columbiahalle


Die fünf Lieblingssongs von Kygo:

1. Jack Garratt – Suprise Yourself
„Das ist ein toller Song. Er ist ein Produzent und Sänger – sehr talentiert. Das ist mein Lieblingssong auf seinem neuen Album.“

2. NAO – Bad Blood
„Ich mag die Produktion, auch wenn ich die Band nicht kenne. Ich finde viele unbekannte Songs über Soundcloud oder Hypemachine.“

3. Flume – Never be like you
„Flume ist wirklich talentiert.“

4. Gallant – Weight in Gold
„Das ist ein ziemlich cooler Song“

5. Stephen – Crossfire
„Ich habe von ihm vorher noch nie gehört. Aber es ist eine coole Produktion, und seine Stimme gefällt mir sehr.“




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