IHRE GESCHICHTE passt eher nach Hollywood, ist aber doch so typisch für Berlin: Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler lernen sich beim Modedesign-Studium in Berlin kennen. Sie beschließen, zusammen moderne Luxusmode zu entwerfen. Eine Kombination aus Exklusivität und Trash, eine Mischung aus dem schicken Paris und dem hippen Berlin. Das Problem: Berlin hat kein Geld und Paris kennt die beiden (noch) nicht.

Aber im Gründergeist in der deutschen Hauptstadt gibt es keine Grenzen. Während der Fashion Week in Paris improvisieren Johanna und Alexandra 2003 einen Catwalk auf der Straße vor dem Kaufhaus Colette – mit Erfolg. Die ersten Labels werden aufmerksam, vor allem in Japan winken verlockende Angebote.

Heute zählt Kaviar Gauche zu den begehrtesten Luxusmarken – auch in Deutschland. Aus der früheren Zwei-Zimmer-Wohnung im Osten Berlins ist ein schickes Atelier in der Linienstraße geworden – einer der angesagtesten Adressen der Stadt. Wir treffen Alexandra und Johanna – die sich mittlerweile auf Brautmode spezialisiert haben – in ihrem kreativen Reich.

 

Coke, Coke light, Coke Zero oder Coke Life?
Johanna: „Heute Wasser und Tee und morgens doppelten Espresso. Früher: exzessiv Coke light.“

Kaviar oder Currywurst?
Alexandra: „Das kann man sich in unserem Falle schon fast denken: Dann doch eher Kaviar und Champagner.“

Charlottenburg oder Friedrichshain?
Alexandra: „Charlottenburg und gerne mal ein Ausflug nach Kreuzberg. Unser Office und Atelier ist in Mitte.“

Berlin ist eine vielfältige Stadt, das spiegelt sich auch in eurer Mode wieder...
Johanna: „Wir lieben diese besondere Energie in Berlin. Es geht beständig voran, jedoch
ist es bei weitem nicht so kräftezehrend wie in London, New York oder auch teilweise in Paris.
Unsere Mode hat sich parallel zum Angebot in der Stadt entwickelt, jedoch hat sie keinen für Berlin typischen Look.“


Trotz des Slogans „Arm, aber sexy“ habt ihr früh auf Luxus gesetzt...
Alexandra: „Stimmt, aber wir haben unsere Mode in den ersten Jahren größtenteils in Asien, vorrangig nach Japan verkauft. Deutschland, insbesondere Berlin, kam erst sehr viel später. Es war zu Beginn auch ein Findungsprozess. Wir konnten während des Studiums viel ausprobieren. Unser Interesse war es immer schon, Mode mit einer gewissen Wertigkeit herzustellen. Es ist auch gut, dass es Marken wie Zara und H&M gibt, damit es ein lebendiges Straßenbild gibt. Diese Mode hat uns aber nicht ansatzweise interessiert. Wir wollten eine eigene Aussage schaffen.“

Wie bekommt man das Gespür dafür, was Kunden wünschen, die viel Geld für Mode ausgeben?
Johanna: „Wir sind am Anfang nicht sehr analytisch an die Sache rangegangen. Wir mussten uns in den ersten Jahren erst mal selbst finden und einen Stil entwickeln, der für uns beide und die Kunden gut funktioniert.“

Alexandra: „Wir waren am Anfang noch avantgardistischer, was in Europa schwer unterzubringen ist. Wenn man sich nur nach Theorien irgendwelcher Agenten verbiegt, dann kommt man einfach nicht zu Gange. Mittlerweile finden wir unsere Kunden direkt in unseren eigenen Kaviar Gauche Stores und merken, was wirklich funktioniert und begehrlich ist.“

Kaviar Gauche – Paris 2016
BRAUTKLEID von Kaviar Gauche

Ihr habt euer Label nicht nach euren Namen benannt – wie viele andere – sondern nach dem sozial orientierten früheren französischen Jet-Set. Warum nicht „Johanna & Alexandra“?
Alexandra: (lacht) „Unsere eigenen Namen haben wir schnell ausgeschlossen, die klingen leider wenig verführerisch.“

Johanna: „Viele Kreative haben damals in Berlin angefangen, deutsche Namen zu wählen. Aber das wäre zu typisch gewesen. Wir waren eher an der sinnlichen, französischen insbesondere der Pariser Frau und ihrer Sprache interessiert und strebten von Anfang an den internationalen Markt an. Der Name ist schon ein entscheidender Faktor. Damals kam zum Glück Alexandras Mann, der den schwierigen Prozess der Namensfindung begleitet hat, auf Kaviar Gauche. Gauche caviar nennt man in Frankreich Sozialisten, die einem ausschweifenden Lebensstil frönen – diesen Kontrast greifen wir übertragen wiederkehrend in unseren Kollektionen auf.“

Kaviar Gauche – Brautmode 2016
NICHT ARM, trotzdem sexy: Kaviar Gauche Brautmode 2016

In welchen Ländern geben die Menschen tendenziell mehr Geld für Kleidung aus?

Alexandra: „Generell schon in Japan. Wir haben uns in den ersten Jahren dort natürlich viel mit dem Land auseinandergesetzt. Aktuell eher wenig. Daran hat sich nichts geändert, denke ich.“

Johanna: „Die Understatement-Bewegung, die wir in Europa gerade erleben, wird vielleicht noch einige Jahre andauern – doch dann kommt auch hier sicher wieder die Gegenbewegung und die Frau verspürt wieder mehr Lust, sich zu schmücken. Aktuell ist sie noch ziemlich damit beschäftigt, sich in ihrer vielseitigen Rolle als Ehefrau, Mutter, Geliebte und beruflich erfolgreiche Frau zurechtzufinden. Da fehlt oft die Zeit, sich viel Gedanken über die Kleidung zu machen.“

Wie habt ihr euch konkret auseinandergesetzt mit der japanischen Mode?
Alexandra: „Vor allem über die Japaner, die wir hier in Europa kennengelernt haben.“

Johanna: „Wenn man alles vorher studiert, ist es auch nicht mehr charmant. Das Herz und die Grundaussage müssen ohne analytische Funktion vorhanden sein. Wir haben nie bewusst für den asiatischen Markt designed.“

Es hat keine von uns Interesse daran, einfach ihren Stiefel durchzuziehen.

Auf welchem Platz steht Deutschland in Bezug auf Luxusmode?

Johanna: „Die Deutschen haben definitiv aufgeholt in den letzten Jahren. Hier ist man einfach konservativer in diesem Bereich. Es ist trotzdem ein starker Markt. Es wäre sehr interessant, konkrete Zahlen zu sehen, wie viel mehr ein Franzose oder Italiener durchschnittlich in Luxusmode investiert als ein Deutscher. Ich weiß nicht, ob da noch ein extremer Unterschied ist.“

Bei zwei gleichberechtigten Künstlern kommt schnell die Frage auf: Wie funktioniert das im kreativen Prozess?
Alexandra: „Von Vorteil war sicher, dass wir von Anfang an gemeinsam Laufen gelernt haben. Wir haben während des Studiums zwar noch nicht Hand in Hand gearbeitet, aber unsere Interessen haben sich dann optimal verknüpft. Wir waren von Beginn an offen dafür,  überzeugende Vorschläge des Anderen anzunehmen. Das ist schon sehr wichtig.“

Kaviar Gauche – Inspired by Alice
INSPIRIERT von „Alice im Wunderland“: die Kollektion „Through The Looking Glass“

Entwickelt ihr die Skizzen zusammen am Schreibtisch oder getrennt?

Alexandra: „Wir arbeiten gemeinsam mit den Schnittmachern und Designern, die unsere Idee umsetzen, und geben den Input. Wir arbeiten grundsätzlich sehr manuell. Die eine entwickelt vielleicht ein tolles Muster und findet einen schönen Stoff, die andere macht sich eher Gedanken um die Silhouette. Am Ende fließt alles zusammen.“

Habt ihr auch schon mal über etwas gestritten, weil ihr nicht einer Meinung wart?
Johanna: „Irgendwie haben wir einen tollen Modus gefunden, dass so etwas meist im Keim erstickt wird. Wenn jemand von etwas nicht begeistert ist, wird es nicht gemacht. Es ist vielleicht auch von Vorteil, dass wir zwei Frauen sind. Wir müssen uns nicht benehmen wie die Axt im Wald, wir spüren, wenn die Andere Bedenken hat. Das geht meist ohne große Worte. Es hat keine von uns Interesse daran, einfach ihren Stiefel durchzuziehen.“

Alexandra: „Der öffentliche und finanzielle Erfolg sowie auch das Wohlbefinden unseres Teams ist unser Fokus. Natürlich muss die Basis dafür unsere Kreation sein. Es ist ein Geschenk uneingeschränkt entwickeln zu können nach den eigenen Vorstellungen und Möglichkeiten. Wir haben in dem Sinne keine Auftraggeber. Einzig bei Kooperationen hören wir natürlich auch auf die Wünsche und Vorstellungen der Partner.“

Ihr habt euch ja Schritt für Schritt von der Prêt-à-porter verabschiedet in Richtung Mode für den besonderen Anlass in Form von Evening dresses oder Summer occasion outfits. Brautkleider standen da aber zunächst gar nicht im Vordergrund – oder?
Johanna: „Nein, wir haben sehr früh begonnen, lange fließende Abendkleider in pudrigen Tönen für den Roten Teppich zu kreieren. Für diese gibt es vor allem in Berlin und München mittlerweile eine steigende Nachfrage. Kunden haben uns anschließend gefragt, ob sie nicht ein bestimmtes Kleid in Weiß bestellen könnten, um es als Hochzeitskleid tragen zu können. In diese Richtung haben wir gar nicht gedacht, als wir diesen Stil entwickelten. Wir haben darin kein Brautkleid gesehen, sondern das Kleid für einen besonderen Anlass. Und der ganz besondere Anlass ist die Hochzeit.“

Und das in Berlin...
Alexandra: „Ja, die Stadt war berüchtigt für wilde Ehen, aber es wird auch hier wieder mehr geheiratet.“

Warum geben denn Frauen für einen einzigen Augenblick so viel Geld aus?
Johanna (lacht): „Das kannst du nicht nachvollziehen, oder?“

Ich habe vielleicht eher den Männerblick...
Johanna: „Die Frage ist auf jeden Fall eine Männerfrage. Aber es ist ja nicht nur die Frau. Der Mann weiß es nachher auch zu schätzen, weil er sein Leben lang diese Bilder und Erinnerungen hat. Und das Schönste im Leben sind ja positive Erinnerungen.“

Ein Herr machte seiner Freundin einen Heiratsantrag in unserem Store: Sie könne sich ein Kleid aussuchen.

Kommen denn Paare zusammen hierher oder die Frau erstmal alleine?

Alexandra: „Meist die Frauen alleine mit Freundinnen und/oder mit ihrer Mutter. Fast ausschließlich. Letztens durften wir jedoch auch Zeuginnen einer ganz besonders romantischen Situation in Düsseldorf werden: Ein Herr machte seiner in Gänze unwissenden Freundin einen Heiratsantrag in unserem Store, mit dem Vorschlag, sie möge sich ein Kleid aussuchen. Eine wirklich wundervolle Idee.“

Kommen die Kunden schon mit konkreten Vorstellungen?
Johanna: „Das ist sehr verschieden. Manche haben sich die Modelle auf unserer Homepage schon genau ausgesucht. Dann gibt es Kunden, die einfach mal durchprobieren mit ihren Freundinnen oder der Mutter. Das sind ja auch tolle Momente, die zelebriert werden.“

Wer war die erste Prominente, die eure Kleidung öffentlich getragen hat?
Johanna: „Das muss entweder Marie Bäumer oder Heike Makatsch gewesen sein. Marie Bäumer trug damals ein langes, fließendes, cremefarbenes Kleid, das dann auch gleich mehrfach als Hochzeitskleid von Kundinnen angefragt wurde. Heike Makatsch kleideten wir in ein kürzeres puderfarbenes Kleid zu einer Premiere ein.“

Wer ist die bestgekleidete internationale Schauspielerin eurer Meinung nach?
Alexandra: „Eine Frau wie Julianne Moore ist einfach phänomenal. Wenn man sich überlegt, wie lange sie schon eine großartige Schauspielerin ist, wie lange sie diese Glaubwürdigkeit und Glanz und Glamour vereint, ist das toll. Und das auf eine ganz unamerikanische Art und Weise.“

Johanna: „Desweiteren lieben wir Florence Welsh. Diese Kombination aus Eleganz und freiem Bohemian style. Es geht nicht nur um die Wahl der Kleidung, es geht auch um den gesamten Stil und die Ausstrahlung der Frau und ihr Talent Dinge zu kombinieren.“

Uns gefällt nicht das perfekte In-Schale-Werfen, sondern eher der Laissez-Faire-Chic.

Wenn ihr abends im Restaurant seid, guckt ihr schon mal links und rechts, was die Damen so tragen?
Johanna: „Klar, das macht doch auch wahnsinnig viel Spaß. Wir freuen uns, dass in Berlin momentan eine Veränderung stattfindet. Wir lieben es, in Paris einfach nur die Straße entlang zu flanieren. Die Frauen sehen immer noch anders aus. Oder im Sommer in Südfrankreich oder auf Ibiza. Uns gefällt nicht das perfekt inszenierte In-Schale-Werfen, sondern eher der Laissez-Faire-Chic. Das finden wir toll.“

Ihr habt die Veränderung angesprochen: In welchem modischen Umbruch befindet sich Berlin momentan?
Alexandra: „Es ist schon mal ein essentieller Unterschied, dass auch Konsumenten überhaupt hier in der Stadt leben. Früher kauften diejenigen, die sich die Mode leisten konnten, ihre Kleidung eher von nicht deutschen Marken. Jetzt konsumieren die Deutschen auch gerne deutsche Marken und machen keinen Unterschied mehr. Das Produkt muss überzeugen. Auch geht es nicht mehr um alte Statussymbole bzw. -namen. Die jüngere Generation interessiert sich eher für das, was gerade angesagt oder besonders ist.“

Mit wem würdet ihr euch gerne mal auf 'ne Coke treffen?
Johanna: „ Oh je. Da gäbe es eine ganze Menge großartiger Persönlichkeiten. Aber eine Coke mit Coco Chanel wäre schon etwas Feines.“

Alexandra: „Sollte sie keine Zeit haben, nehmen wir auch gerne Karl Lagerfeld.“


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Die fünf Lieblingssongs von Kaviar Gauche:

Fever Ray: „If I Had A Heart“

Israel Kamakawiwo’ole: „Somewhere Over The Rainbow

Amy Winehouse: „Back To Black“

Richard Sanderson: „Dreams“

Sergej Prokofiev: „Dance of the knights“