AM POTSDAMER PLATZ tummeln sich Filmfans aus der ganzen Welt, warten auf George Clooney und all die anderen Stars. In den Hotels schleppen Kamerateams ihr Equipment von Raum zu Raum, warten auf ihren nächsten Interviewpartner. Es ist Berlinale-Zeit – surreale Tage in der Hauptstadt, voller Glanz und Glamour. Auch Jannis Niewöhner wird an diesem Abend im Scheinwerferlicht stehen und geduldig für schreiende Fotografen posieren. Showtime!

Wenige Stunden vorher aber treffen wir einen anderen Jannis. Nicht den Jungstar, der 2015 zum „Shooting Star” der Berlinale gekürt wurde. Nicht den Posterboy aus der „Gala”. Einfach nur Jannis. Mit seinem schlichten grauen Pulli, der Jeans und den Turnschuhen könnte er auch als Student an der TU durchgehen.

Wir wollen mit dem 24-Jährigen über seine Karriere sprechen, die durch die Trilogie „Rubinrot”, „Saphirblau” und „Smaragdgrün“ so richtig befeuert wurde. Und über das einfühlsame Familiendrama „Jonathan”, das ab 6. Oktober im Kino läuft. Darin spielt Jannis einen jungen Mann, der auf dem Land aufwächst und den Bauernhof des schwerkranken Vaters führt. Der gibt kurz vor seinem Ableben noch ein Geheimnis preis, mit dem sein Sohn nicht so recht umgehen kann.

Hier erzählt Jannis, warum er Sexszenen nicht allzu schlimm findet und warum er vielleicht in Zukunft mal als Schreiner arbeiten wird...

Coke, Coke light, Coke Zero oder Coke Life?
„Coke light.“

Sex im Kuhstall – wie war’s?
„Super! Es kommt bei solchen Szenen meist auf den Spielpartner an. Julia Koschitz war in diesem Fall diejenige, die schon mehr Erfahrung hatte und mir viel Lockerheit mitgegeben hat. Wir hatten keine Scheu uns anzufassen und die Szene so gespielt, dass sie die Geschichte vorangebracht hat.“

Gewöhnt man sich daran, sich für Filme zu entblößen?
„Natürlich ist es immer eine ungewohnte Situation, seinen Körper zu zeigen und Sex vorzutäuschen. Das wird nie etwas sein, auf das man sich total freut. Aber man macht es, wenn man überzeugt ist, dass es in die Geschichte passt. Man erzählt ja Geschichten aus dem Leben – und Sex gehört dazu.“

Eine sehr emotionale Sexszene hat ja dein Filmvater...
„Ja, gerade die Szene, in der die beiden älteren Herren im Bett liegen und sich lieben. Das habe ich selten in einem Film gesehen. Es gibt dabei keine Klischees. Das finde ich generell toll an dem Projekt. Ich spiele Jonathan, der eine Frau liebt. Und es gibt zwei Männer, die sich lieben. Das Schwulsein ist hier kein Etikett. Es geht um Liebe.“

Trotz nackter Haut ist der Film ein Familiendrama. Es geht um die Beziehung zwischen Jonathan und seinem totkranken Vater. Denkt man bei den Dreharbeiten schon mal an seine eigenen Eltern?
„Natürlich. Das, was man spielt, kann man ja nur aus dem nehmen, was man aus dem Leben kennt. Wie meine Mutter reagiert hat, als ihr Vater gestorben ist zum Beispiel. Natürlich kann die Vorstellung, mal Abschied von meinen Eltern zu nehmen, präsent sein – einfach durch die Liebe, die ich für sie empfinde. Diese Zuneigung und vielleicht der kurze Gedanke, dieser Mensch könnte nicht mehr da sein, macht es schon intensiv.“

Die fünf Lieblingssongs von Jannis Niewöhner:

Siehst du deine Familie und Freunde noch oft?
„Ja, auf jeden Fall. In letzter Zeit sogar öfter, weil ich etwas frei hatte. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meiner Heimat und meinen Eltern. Ich habe auch noch mein Kinderzimmer zuhause, das sich kaum verändert hat.“

Wirst du heute in Hüls, Krefeld anders wahrgenommen, wenn du nach Hause kommst?
„Eigentlich nicht. Ich habe noch einige Freunde dort, die ich gerne treffe. Sie fragen mich dann, wie es in der Schauspielerei läuft. Ich frage sie, wie es in der Ausbildung läuft. Jeder hat sein eigenes Leben, aber meins hebt sich nicht ab von den anderen.“

Du hast schon mit zehn Jahren im „Tatort“ mitgespielt. Wie kommt man als kleiner Junge aus Hüls zum „Tatort“?
„Mein Vater ist an einem Kinderjugendtheater in Krefeld. Damals hat eine Agentur dort angefragt, ob es Kinder gibt, die zum Casting kommen wollen. Ich hatte Lust und dann ging's los...“

Kinder können gemein sein. Gab es damals Sprüche von Mitschülern?
„Auf jeden Fall. Ich habe gemerkt, dass es etwas Besonderes war und musste lernen, damit umzugehen. Es war nicht immer einfach, etwa als die Teenie-Filme rauskamen. Aber das Wichtigste waren dann die Familie und der enge Freundeskreis, dem man vertrauen kann und der auf einen aufpasst.“

Mittlerweile wohnst du in Berlin. Warum hat es dich hierher gezogen?
„Mit 16 Jahren habe ich in Berlin gedreht, hatte dann einen Freund aus Hamburg, mit dem ich zusammenziehen wollte und habe in einer WG mit vier Köchen gelebt. Ich wollte einfach raus und was anderes sehen. Von zuhause ausziehen, was erleben. Mit allen Freiheiten, die man hat. Das habe ich realisiert, und das war genau die richtige Entscheidung. Ich wohne jetzt in Lichtenberg in einer WG mit einem meiner besten Freunde.“

Du bist ein WG-Typ...
„Ja, ich bin quasi in einer WG aufgewachsen. Wir haben zusammen mit mehreren Familien in einem Haus gewohnt. Das brauche ich einfach.“

Wie kann ich mir das Leben dort vorstellen: Pizza, Pokern, Playstation?
„Nein, es geht eher familiär zu. Mein Mitbewohner studiert Philosophie, liest seine Texte, und ich lese mein Drehbuch. Wir hören Musik, gucken Filme, kochen – fast wie ein altes Ehepaar. Ich mag das. In einer WG mit fremden Leuten zu leben oder in einer Zweckgemeinschaft, das würde ich gar nicht wollen.“

Hilft das auch, auf dem Boden zu bleiben bei all dem Rummel auf den roten Teppichen?

„Ich würde sagen: Die Erdung ist sowieso da. Man lernt über die Jahre, den Rummel richtig einzuordnen – und manchmal auch zu genießen.“

Aber kannst du verstehen, dass man auch abheben kann?
„Ich glaube, das ist immer dann so, wenn es einem darum geht Schauspieler zu sein, um auf diesen Veranstaltungen dabei zu sein. Für mich ist das ein teils schöner, teils nerviger Nebeneffekt. Aber auf jeden Fall ein Nebeneffekt. Es geht vor allem um die Kunst und das Geschichtenerzählen. Wer es so sieht, sollte nicht abheben.“

Könntest du dir vorstellen, mal in einem anderen Beruf zu arbeiten?
„Ich will immer offen bleiben. Momentan läuft es sehr gut und ich bin sicher in meinem Beruf. Ich merke, dass ich viel lerne. Das gibt mir viel Energie. Es beginnt gerade eine Zeit, wo ich merke, dass ich nicht nur Schauspieler bin. Ich entwickle die Filme und die Geschichten mit. Ich sage nicht nur meinen Text auf. Ich sitze mit Regisseur und Produzent zusammen und forme langsam etwas. Teil dieses Entstehungsprozesses zu sein ist der größte Traum an der Sache.“

Auch die Musik hat es dir angetan. Werden wir irgendwann mal einen Song von dir hören?
„Es gehört auf jeden Fall zu den Dingen im Leben, zu denen ich ein starkes Gefühl habe und die mich erfüllen. Aber ich habe – auch wenn ich handwerklich total ungelernt bin – die romantische Vorstellung vom Schreinerberuf. Ich kann mir vorstellen, dass das beruhigend und meditativ sein kann. Schöne Vorstellung, eine Werkstatt zu haben, auf einem Hof zu wohnen und eigene Dinge zu produzieren. Das ist ja auch eine Kunst. Die Köche, mit denen ich zusammengewohnt habe, waren auch deshalb so toll, weil sie ihren Beruf als Kunst empfunden haben. Die hatten total Bock drauf. Ich finde alles, wofür man sich im Leben entscheidet, muss man zu einer Kunst machen.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf 'ne Coke treffen?
„Roberto Benigni, der italienische Regisseur von „Das Leben ist schön“. Der ist damals mal bei der Oscar-Verleihung über die Stühle gesprungen. Der strahlt eine tolle Lebensenergie aus. Mit dem würde ich mich gerne mal treffen.“

Die fünf Lieblingssongs von Jannis Niewöhner:

1) Lambert: „Locked“
„Ein Hamburger Pianist, bei dem ich mal auf einem Konzert war.“

2) Stevie Wonder: „Ebony Eyes“
„Ich liebe diesen Rhythmus des Klaviers. Wenn Stevie Wonder auf die Tasten haut, gibt mir das die Energie, um in den Tag zu starten.“

3) Tracy Chapman: „Give Me One Reason“
„Der Song hat mich im Sommer 2015 begleitet. Einfach ein entspanntes Sommerlied mit Reggae-Elementen.“

4) Ghiaccioli: „Baffina (feat. Alberto Becucci)“
„Ich würde es Gipsy-Musik nennen. Dazu haben wir uns im letzten Sommer nachts bei einer Party betrunken eine Wasserschlacht geliefert.“

5) Screamin' Jay Hawkins: „I Put A Spell On You“
„Geiles Saxophon, verrückter Typ.“

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