Drei Minuten – länger braucht man normalerweise nicht bis zur Rundum-Erfrischung durch eine Coke. Für unser Interview mit der charmanten und schlagfertigen Autorin Hatice Akyün haben wir uns allerdings ein wenig mehr Zeit genommen...

Hatice Akyün – die Autorin von „Verfluchte anatolische Bergziegenkacke“

Türkin? Deutsche? Deutsch-Türkin? Hatice Akyün sieht sich lieber als Türkin UND Deutsche. Die Journalistin wird in einem Dorf in Anatolien geboren und wächst als Tochter eines Gastarbeiters im Ruhrgebiet auf. In ihrer Kolumne „Meine Heimat“ für den „Tagesspiegel“ schreibt sie  über ihr Leben als Zugewanderte in Berlin – mit Witze, Charme und Selbstironie. Ihr Buch „Einmal Hans mit scharfer Soße“ handelt von der Suche nach dem perfekten Ehemann. Die Verfilmung kommt Ende November 2014 als DVD in den Handel. Ihr neues Buch heißt „Verfluchte anatolische Bergziegenkacke“ und ist mit Sprichwörtern ihres Vaters gespickt.

Auf ’ne Coke mit Hatice Akyün

Coke, Coke Light oder Coke Zero – was darf es für Hatice Akyün sein?
„Das ist bei mir eine Entwicklung: Als Teenager habe ich Coke getrunken. Als ich später etwas mehr auf meine Figur geachtet habe, Coke light. Dann bin ich auf Zero umgestiegen. Mit 45 Jahren, wo ich meinen Körper so akzeptiere, wie er ist, wieder die normale Cola.“

Wir sitzen zwar in einem Café, aber trotzdem: Currywurst oder Döner?
„Ich will mich da nicht festlegen. Aber ich liebe Currywurst, vor allem mit Rindfleisch. Ich komme aus dem Ruhrgebiet und musste mich etwas umstellen. Denn hier in Berlin schmeckt die Currywurst ganz anders. Ich mag die aus Duisburg lieber.“

Auf 'ne Coke mit Hatice Akyün
Hatice Akyün spricht mit Coca-Cola Journey über Essen, Männer und Schimpfwörter in zwei Kulturen

Welches türkische Essen haben Sie zuletzt gegessen?
„Ich habe gestern Abend seit langem mal wieder türkisch gekocht, und zwar Menemen. Das ist in der Türkei ein Arme-Leute-Essen aus Zwiebeln, frischen Tomaten, Spitzpaprika und Eiern.“

Und welches deutsche Gericht?
„Das war im Juni in Duisburg. Meine ehemalige Lehrerin hat mich eingeladen und mein
deutsches Lieblingsessen gekocht: Rheinischer Sauerbraten mit selbstgemachtem Rotkohl und Kartoffelklößen.“


Sie sind in Duisburg aufgewachsen und leben jetzt in Berlin. Das ist ein ähnlicher
Menschenschlag, oder?
„Ruhrpottler und Berliner sind beide sehr direkt und haben ihre schnoddrige Art. Ich vermisse hier aber oft die Herzlichkeit und den Optimismus. Der Berliner meckert in einer Tour, der Duisburger macht das Beste aus seiner Situation und ist meist guter Dinge.“

Können Sie den Ruhrpott-Slang noch?
„Wenn ich will, ja. Aber ich habe extrem hart daran gearbeitet, ihn abzulegen. Das ist vielleicht eine Macke von mir, perfektes Deutsch sprechen zu wollen. Mir haben die Leute nämlich damals immer gesagt: 'Du bist Türkin und wirst nie akzentfreies Deutsch reden.' Darum wollte ich den Gegenbeweis antreten. Wenn ich nach 'Duisburch' komme, dann verfalle ich aber schnell wieder in den Akzent."

Sie wären damals in Duisburg fast vor Gericht gelandet. Sie haben nämlich eine Ausbildung zur Justizangestellten gemacht. Warum haben Sie es sich anders überlegt?
„Für meinen Vater war es das Allergrößte, dass ich als Erste in der Familie eine Ausbildung mache. Auch ich war stolz, habe aber gemerkt, dass mich der Job nicht ausfüllt. Ich wollte nicht den Rest meines Lebens Mahnbescheide bearbeiten. Darum habe ich aufgehört, auch wenn für meinen Vater damals eine Welt zusammengebrochen ist. Ich habe dann eine Ausbildung bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ gemacht und bin Journalistin geworden.“

Und waren zunächst als Lokalreporterin im Ruhrpott unterwegs...
„Genau. Karnevalsclub, Taubenzüchterverein, Gerichtsreportagen. Alles, was dazu gehört. Ich habe wahnsinnig viel gelernt. Meine erste große Reportage habe ich über den Schacht geschrieben, in dem mein Vater als Bergmann gearbeitet hat. Das war unfassbar interessant für mich.“

Sie waren schon immer ein politischer Mensch, haben in Berlin aber zunächst als
Society-Reporterin an roten Teppichen gestanden. Wie war das?
„Es hat mir damals sehr viel Spaß gemacht, aber trotzdem ist es ambivalent. Ich habe angesichts der vielen Krisen momentan das Gefühl, die Welt zerfällt gerade. Dann schlage ich die Zeitung auf und sehe das Hochzeitsfoto von Angelina Jolie und Brad Pitt. Auf der einen Seite habe ich das mulmige Gefühl, dass diese Story andere, wichtige Schlagzeilen verdrängt. Auf der anderen Seite erwische ich mich selbst dabei, wie meine Seele gestreichelt wird und ich eine Art inneren Frieden bekomme. Ich denke, beide Arten der Berichterstattung haben ihre Berechtigung.“

Sie schreiben häufig über politische Themen, die polarisieren. Auf welche Artikel
bekommen Sie die meiste Resonanz?
„Die extremste negative Resonanz bekomme ich bei den Themen Islam, Integration und Hundekacke. Das scheint die Menschen sehr zu bewegen. Ich bekomme aber überwiegend positives Feedback. Ich mache mir beim Schreiben keinen Kopf darüber, wie die Leserschaft auf meine Aussagen reagieren könnte.“

Die Kritik – auch an Ihren Büchern – ist zum Teil sehr persönlich. Wie geht Hatice Akyün damit um?
„Es wäre fatal, wenn ich mir alles, was ich über mich lese, zu Herzen nehmen würde. Mein Vater hat mir mit auf den Weg gegeben: 'Kritik von jemandem, der dich nicht kennt, darf dich nicht verletzen.' Wenn mich Freunde kritisieren, ist das etwas anderes. Das höre ich mir sehr genau an und hinterfrage mich.“

Sie sagen von sich, Ihr Herz sei deutsch, ihre Seele türkisch. In welcher Sprache träumen Sie?
„Das kommt darauf an, in welchem Land ich gerade bin und welche Leute ich um mich herum habe. Ich fühle mich generell als „Und-Identität“: Ich bin Türkin und Deutsche. Unsere Generation ist nicht mehr auf eine Herkunft festgelegt. Meine Wurzeln liegen in der Türkei, ich bin türkisch erzogen worden. Aber ich bin in einer deutschen Gesellschaft aufgewachsen. Ich ziehe diese Trennlinie nicht.“

Hatice Akyün flucht auf Türkisch und würde sich gern mit Angela Merkel auf ’ne Coke treffen

Fluchen Sie auch in beiden Sprachen oder haben Sie dafür eine Lieblingssprache?
„Wenn ich richtig böse bin, schimpfe ich auf Türkisch. Da gibt es einfach die schlimmeren Wörter. Aber das mache ich natürlich nicht vor meiner achtjährigen Tochter. Das Schimpfwort „Verfluchte anatolische Bergziegenkacke“, der Titel meines Buches, kennt in der Türkei übrigens kein Mensch, es ist erfunden.“

Stichwort: Männer. In Ihrem Buch „Einmal Hans mit scharfer Soße“ geht es um den
typisch deutschen und den typisch türkischen Mann. Wie verhalten sich beide denn in den folgenden Situationen. Die Frage nach dem ersten Date: „Zu mir oder zu Dir?“
„Der Türke würde gar nicht auf die Idee kommen, dass die Frau mit ihm am ersten Abend mit nach Hause gehen könnte. Der würde tot umfallen. Der deutsche Mann freut sich wahrscheinlich. Ich habe die Devise: Beim ersten Date nicht zusammen nach Hause gehen und auch nicht küssen.“

Wie sagt er: „Ich liebe dich!“?
„Türkische Männer sind in dieser Hinsicht sehr schnell und sagen es direkt nach dem ersten Abend. Da bekommt man nach dem ersten Date auch schon mal einen völlig ernst gemeinten Heiratsantrag. Die Deutschen bekommen es dagegen vielleicht nie über die Lippen. Da sollte Mann sich in der Mitte treffen...“


Wie machen die Männer Schluss?
„Da ist der deutsche Mann sehr direkt. Der türkische schreibt eher eine SMS. Da spart er sich die Ohrfeige .“

Gibt es etwas typisch Deutsches, das Sie bis heute nicht verstehen?
„Erst gestern in meiner Bäckerei wieder erlebt: Halbe Brote kaufen! Das habe ich in keinem anderen Land erlebt.“

Was ist typisch Deutsch an Ihnen?
„Ich bin sehr direkt und trete damit einigen Türken auf die Füße. Die formulieren Kritik gerne blumig, weil sie keinen verletzen wollen.“


Mit wem würde sich Hatice Akyün gerne mal auf 'ne Coke treffen?
„Ich würde mich gerne mal mit Angela Merkel unterhalten. Nicht über Politik, sondern ihr damaliges Leben in der DDR. Ich habe in Gesprächen mit ostdeutschen Bürgern das Gefühl, als Deutsch-Türkin menschlich mehr mit ihnen gemeinsam zu haben, als mit Westdeutschen. Angela Merkel hat sicher viel zu erzählen und ist im Grunde ja auch eine Migrantin...“

Mehr Hatice Akyün?

Mit Hatice Akyün würdet ihr euch auch gern mal auf ’ne Coke treffen?! Vielleicht begegnet ihr der Autorin mal in einem Café in Berlin – oder auf einer ihrer Lesungen. Wer es bis dahin nicht aushalten kann, kann Hatice Akyün auf Facebook oder Twitter folgen. Und  in unserer Spotify-Playlist könnt ihr euch die fünf Lieblingssongs von Hatice Akyün anhören!

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