KLARER FALL von Herzensprojekt. Das spürt man sofort. Christina Ricci kommt gerade mit ihrem Mann und ihrem Sohn aus Venedig. Ein paar Tage ausspannen. Sie schaltet nicht sofort in den professionellen Interview-Modus. Sie hört zu. Wirkt anfangs sogar etwas schüchtern. Doch schon nach wenigen Minuten spricht sie angeregt über Zelda Fitzgerald, die Hauptfigur in „Z: The Beginning Of Everything“.

Zelda Fitzgerald

ZELDA FITZGERALD mit etwa 19 Jahren 

Die Amazon-Serie, die Ricci auch produziert, erzählt die Lebensgeschichte von Zelda (1900-1948), Ehefrau des „Great Gatsby“-Autors Scott Fitzgerald, dem bestverkauften Schriftsteller seiner Zeit. Die beiden waren in den Zwanziger Jahren berühmt wie Popstars, ein Glamour-Paar, das sich durch seinen exzessiven Lebensstil zerrüttete. Zelda schrieb für ihren Gatten als Ghostwriterin, ohne ihre eigene künstlerische Laufbahn verfolgen zu können.

Riccis eigene Karriere beginnt in der Theater-Gruppe ihrer Schule. Dort wird die kleine Christina für eine Rolle entdeckt, die ihr Leben verändert. Mit gerade zehn Jahren spielt sie an der Seite von Cher und Winona Ryder in „Meerjungfrauen küssen besser“. Ein Jahr später ist sie in der „Addams Family“ zu sehen. Nach ihrer Zeit als Kinderstar hat es Ricci zunächst schwer, ernstzunehmende Rollen zu finden. Über eine Reihe von Independent-Filmen gelingt ihr mit „Sleepy Hollow“ und „Monster“ die Rückkehr auf die große Leinwand.

Zeldas Geschichte ist die einer Frau, die mit ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit ihrer Zeit voraus war. Ein Gespräch über das Frauenbild in Hollywood.

Coke, Coke Light, Coke Zero Sugar oder Coke Life?
„Diet Coke. Also Coke Light.“

Wir sind in etwa gleich alt. Was muss ich essen und trinken, um einen 18-Jährigen zu spielen, ohne dass jemand komische Fragen stellt?
„Wir wollten nicht so tun, als ob ich 18 sei. Wir haben mein Gesicht digital bearbeitet, so dass ich aussehe wie 18. Aber das ist nicht der Punkt. Für mich ist ausschlaggebend, Zeldas Leben zu zeigen. Wir springen relativ schnell in ihre 20er, sie stirbt dann mit Ende 40. Aber wir beginnen die Geschichte einfach, als Zelda 18 Jahre alt ist.“

Zelda trinkt viel Alkohol in der Serie. Was war eigentlich in deinem Glas?
„Meistens Diet Ginger Ale.“

Du produzierst die Serie und hast viel recherchiert. An welchem Punkt hat dich die Geschichte von Zelda Fitzgerald gepackt?

„Die Serie basiert auf dem Roman „Z“ von Therese Anne Fowler. Als ich das Buch las, habe ich sofort versucht, die Rechte zu erwerben. Zelda ist eine unglaubliche Person, interessant und hochkomplex. Außerdem bin ich fasziniert von der Zeit, in der die Geschichte spielt. Eine aufregende Zeit in Amerika. Ich glaube, es ist schwer, nicht an ihrer Geschichte interessiert zu sein.“

F. Scott Fitzgerald

F. SCOTT FITZGERALD, 1921

Zelda gibt sich von der ersten Folge an selbstbewusst, auch ihrem Vater gegenüber. Du selbst standest schon als Kind auf eigenen Füßen. Gibt es Parallelen?
„Nein, nicht wirklich. Wenn jemand darüber spricht, wie unabhängig er ist, bedeutet das in der Regel, dass er genau das eben nicht ist. Zelda macht viel Lärm darum, das Gegenteil von dem zu tun, was ihr Vater will. Am Ende steht sie aber so unter dem Einfluss ihrer Eltern, dass sie ein Ebenbild ihres Vaters heiratet. Ich glaube, dass sie nie unabhängig war. Sie wollte es von klein an, durfte es aber nie. Auch nicht als verheiratete Frau. Das hat sie am Ende zerstört.“

Die unerfüllte Sehnsucht nach Unabhängigkeit...
„Genau. Es war ihr verboten, ihre Geschichten zu veröffentlichen. Denn sonst wäre aufgeflogen, dass vieles von dem, was ihr Mann Scott publiziert hat, eigentlich von ihr stammte. Das war ein lang anhaltender Kampf. Sie hatte gezwungenermaßen mit Frauen in ihrem Umfeld zu tun, die alle unabhängig waren und deren Arbeit gewürdigt wurde. Aber sie durfte so nie sein. Sie war nur 'die Frau von'. Niemand wusste, wie groß ihr Anteil am Erfolg ihres Mannes war.

Szene aus „Z: The Beginning Of Everything“

GLAMOUR-PAAR: Zelda und Scott Fitzgerald (David Hoflin)

Später durfte sie auch ihrer großen Leidenschaft, dem Ballett, nicht mehr nachgehen...
„Danach ist sie zusammengebrochen, kam in die Heilanstalt und bekam Elektroschocks. Das hat ihr Hirn dann weiter beschädigt. Wer weiß also heute, wie krank sie tatsächlich war? Für mich klingt es nicht danach, als sei sie verrückt gewesen. Sie ist an den Grenzen zerbrochen, die ihr gesetzt wurden.“

Diese Grenzen gibt es heute immer noch, unter anderem in Hollywood. Reese Witherspoon beschwerte sich kürzlich, dass Frauen meist kleinere, weniger komplexe Rollen bekommen. Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht?
„Klar. Selbst bei dieser Serie hatten wir Diskussionen über die Darstellung von Zelda.“

Inwiefern?
„Einige Leute meinten, wir könnten nicht das Beziehungsdrama zwischen Scott und Zelda zeigen. Sie sei ja nur die Ehefrau in der Geschichte. Nur die Ehefrau? Ist es nicht genug, Ehefrau und Mutter zu sein? Was ist falsch daran? Warum reicht das nicht aus, eine Geschichte darüber zu erzählen? Es ist interessant zu sehen, welche Werte Frauen und Männern zugeschrieben werden.“

Christina Ricci als Zelda Fitzgerald

DOPPELBELASTUNG als Produzentin und Hauptdarstellerin: Christina Ricci

Noch heute, im Jahr 2017...
„Ja, noch immer. Wir haben darüber gestritten, bevor wir die Serie gemacht haben.“

Und die spielt vor fast 100 Jahren...
„Ja, richtig.“

Also würdest du sagen, dass Hollywood in Sachen Gleichberechtigung noch immer nicht fair ist...
„Ich glaube, das ist nicht Hollywood. Die Leute, die dort arbeiten, stammen nicht aus einer anderen Zeit. Sie nehmen das auf, was in der Gesellschaft vor sich geht.“

Das gilt auch für die Bezahlung. Warum verdienen Männer mehr als Frauen und nicht andersrum?
„Weil Männer das nicht akzeptieren würden. Frauen machen das. Das sind meine Erfahrungen als Schauspielerin. Ich habe selbst gesehen, dass Männer bestimmte Dinge nicht einsehen, wir Frauen aber schon. Es ist interessant. Das heißt nämlich, das Menschen, die es nicht in bestimmte Positionen schaffen, selbst Schuld daran sind.“

Frauen sollten ihre Haltung ändern?
„Ja. Es sind doch die Frauen, die es ermöglichen, dass so mit uns umgegangen wird. Ich bin eine Frau. Ich halte diese Dinge aufrecht, ohne mir darüber im Klaren zu sein. Weil es etwas ist, das mir quasi von Geburt an eingepflanzt wurde. Ich denke, es braucht Generationen, bis sich etwas ändert. Wir dürfen uns einfach nicht damit abfinden.“

„Du musst dich fragen, wie du selbst dazu beitragen kannst, dass sich etwas ändert.“

Es ist schon merkwürdig, über welche eigentlich selbstverständlichen Dinge wir heute noch reden müssen...
„Du kannst nicht erwarten, dass andere etwas für dich ändern. Wenn ich als Frau ein Problem mit meiner Lage habe, muss ich selbst daran etwas ändern. Ich habe nicht die Rollen bekommen, die ich spielen wollte. Ich habe nicht in Filmen mitspielen können, in denen ich gerne dabei gewesen wäre. Also habe ich sie einfach selbst produziert. Mir ist klar, dass das nicht alle können. Aber es nützt nichts zu schreien: 'Männer ruinieren alles'. Du musst dich an einem bestimmten Punkt fragen, wie du selbst dazu beitragen kannst, dass sich etwas ändert.“

Du hast die Verlockungen und Gefahren der Filmindustrie früh kennengelernt. Hattest du jemals Sorgen, es könnte dir selbst so ergehen wie Zelda?
„Ich weiß nicht. Zumindest war das nicht der Grund dafür, dieses Projekt zu starten. Ich fand es einfach interessant. Du hast ein Paar und beide sind ungefähr gleich berühmt. Über eine Person weißt du fast alles, über die andere nahezu nichts. Das war für mich interessant.“

Auch in der Filmindustrie musst du sicher stark sein, um zu überleben...
„Ich weiß nicht. Es ist ja nicht so, dass du mit dem Filmgeschäft verheiratet bist. Ich würde nicht sagen, dass die Industrie – verglichen mit anderen Berufszweigen – so viel schlimmer ist.“

Gab es in der Serie Szenen, die dich herausgefordert haben?
„Es gab einige Herausforderungen. Aber für mich war es härter, als Produzentin anwesend zu sein und gleichzeitig in meine Rolle einzutauchen. Ich habe mit der Zeit gelernt, damit umzugehen.“

„Ich fühle mich wohl, die Story in einer Serie zu erzählen. Beinahe, als drehe man einen Independent-Film.“

Die erste Staffel besteht aus zehn Folgen und es gibt genügend Stoff für weitere Staffeln. Wäre ein Biopic wie dieses auch im Kino vorstellbar?
„Nein, heutzutage definitiv nicht. Sie haben vor einiger Zeit damit aufgehört, Filme mit mittlerem Budget zu drehen. Mit mir in der Hauptrolle wäre die Geschichte als Kinofilm nicht vorstellbar gewesen. Aber ich fühle mich sehr wohl, die Story in einer Serie zu erzählen. Es fühlt sich an, als drehe man einen Independent-Film. Und aus der Ecke komme ich ja. Der einzige Unterschied ist, dass man immer neue Drehbücher bekommt. Es ist nicht so, dass ich das Skript bekomme, mich vorbereite, drehe und das war's. Ich bereite mich vor, drehe, bereite mich auf die nächste Folge vor und so weiter. Das ist schon komisch, wenn man vom Film kommt.“

Christina Ricci - Selfie

SELFIE beim Interview in Berlin: Christina Ricci

Mit wem würdest du dich mal gerne auf 'ne Coke treffen?
„Da gibt es viele. Da könnte ich mich nicht entscheiden.“

 

Sie können auch tot sein...
„Das macht es ja noch schwieriger.“

Würdest du gerne Zelda treffen, wenn das möglich wäre?
„Momentan wäre es schwierig, weil ich versuche, sie zu spielen. Sie könnte sie mir ja vorwerfen, dass ich sie falsch dargestellt hätte. Also lieber nicht.“

Wie würde Zelda wohl im Jahr 2017 zurechtkommen?
„Sie wäre sehr glücklich. Das war ja eigentlich ihr Problem. Sie hat in der für sie falschen Zeit gelebt. Das ist tragisch. Ich hoffe für sie, dass es so etwas wie Wiedergeburt gibt.“

„Wenn Leute sagen, sie möchten in einer anderen Zeit leben, frage ich, ob sie alle Tassen im Schrank haben.“

Wir können also froh sein, in der heutigen Zeit zu leben, oder?
„Oh Gott, ja! Wenn mir Leute sagen, sie würden gerne in einer anderen Zeit leben, frage ich, ob sie noch alle Tassen im Schrank haben.“

Die Welt ist nicht perfekt, aber...
„...du kannst Wasser trinken. Es gibt weniger Krankheiten. Frauen sind kein Besitztum.“

... Sklaverei ist abgeschafft ...
„Na ja, Sklaverei gab es immer und wird es immer geben. Das ist ein großer Mythos. Was passiert denn gerade in der Welt? Es gibt immer Menschen, die unterdrückt und ausgenutzt werden. Aber ich will mich nicht über alles beschweren. Das passiert nämlich, wenn ich über die Welt nachdenke und all die schrecklichen Nachrichten lese. Da wirst du doch verrückt.“


 

„Z: The Beginning of Everything“
„Z: The Beginning of Everything“, ist ab dem 27. Januar 2017 auf Amazon Prime zu sehen.

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