AMANDA LACHT, als sie zur Tür reinkommt. Vor ihr stolziert Dackel-Chihuahua-Mischling Bailey in die Lobby der Plattenfirma Four Music in Berlin – mit einem Tennisball im Maul. Auftakt für eine lebhaftes Gespräch: Bailey, vier Jahre, jault und läuft immer wieder zur Tür. Amanda isst asiatisch und holt Bailey immer wieder zu sich. Fragt sich, wer hier mehr Power hat.

Amanda Murray musste wahrscheinlich einfach Musikerin werden. Geboren 1983 als Tochter eines Amerikaners und einer deutschen Soulsängerin, war sie immer von Musik umgeben. Sie brachte sich selbst Gitarre spielen bei und schrieb schon als Teenager ihre ersten Songs. Mittlerweile hat sie nicht nur den richtigen Hund, sondern auch musikalisch die richtigen Partner gefunden. Schon früh lernt sie Sido kennen. Sido war damals noch der Rapper mit der Maske und Amanda Moderatorin beim Berliner Radiosender Kiss FM. Er nimmt sie als Background-Sängerin mit auf Tour. Dabei trifft sie auf Mark Forster, der ihr Mentor wird.

Nun hat Amanda das überzeugende Pop-Album „Karussell“ veröffentlicht. Wir sprechen mit Amanda über ihre Zeit in der Berliner Rap-Szene, das Tourbus-Leben mit Sido und: Bailey.

Coca-Cola, Coke light, Coke Zero Sugar oder Coca-Cola Life?

„Coke natürlich. Immer aus der Glasflasche, weil es einfach am besten schmeckt. Nie aus der Plastikflasche. Da bin ich pingelig.“

Hunde und ihre Besitzer ähneln sich ja häufig...

„Bailey hat von mir auf jeden Fall die Lebensfreude und dass er nicht hört.“

Wir sitzen hier bei Four Music. Das Label wurde von den Fantastischen Vier gegründet. Denkst du manchmal noch: 'Wow! Das ist krass!'?

„Seit ich mit 18, 19 Jahren angefangen habe, Mucke zu machen, kenne ich Four Music. Alle Künstler, die ich gefeiert habe, waren hier. Freundeskreis, Afrob, Fanta 4. Ich fand es geil, dass es ein Hip-Hop-Label in Berlin gibt und hätte niemals gedacht, dass ich jemals hier lande.“

Es war ein langer Weg. Dein erstes Album hast du 2005 veröffentlicht, damals unter dem Namen She-Raw. Wie nah ist dir diese Person heute?

„She-Raw bleibt immer ein Teil von mir. Das bin ja ich und war es ganz, ganz lange. Das geht nie verloren. She-Raw ist diese Schnodderschnauze, Mittelfinger raus. Diese Seite ist nicht mehr so stark bei mir ausgeprägt. Man ist halt nicht mehr 14. Aber diese kleine Ghettozicke She-Raw wird nie ganz weg sein.“

Amanda und Bailey
PERFEKTE Partner: Amanda und Bailey

Du hast als Kind Gedichte geschrieben, warst im Schulorchester, hast Saxophon und Gitarre gespielt. Warum dann die Entscheidung: Ich werde Rapperin?

„Mein Vater ist Amerikaner und hat zuhause oft amerikanischen Hip-Hop gehört. Run DMC, Kurtis Blow, damit bin ich aufgewachsen. Eine der ersten Hörspielkassetten, die mir mein Vater geschenkt hat, war ein Album der Simpsons: „The Simpsons Sing the Blues“. Das waren die ersten Raps, die ich auswendig konnte. Die Simpsons haben mich quasi zum Rap gebracht.“

Du bist dann in die Berliner Rap-Szene gegangen. Was hat den Underground für dich
ausgezeichnet?

„Alle pleite, alle gut drauf und alle waren der King (lacht). Nein, also es war wie eine kleine Familie. Anfang der 2000er Jahre schossen hier viele Labels aus dem Boden. Jeder kannte jeden, jeder fand jeden cool. Natürlich gab es auch mal beef, manchmal wurde das auch hässlich geklärt und jemand musste ins Krankenhaus. Aber trotzdem war dieses Community-Ding in Berlin megastark ausgeprägt.“

„Solange alle pleite sind, ist alles geil. Sobald einer mehr als die anderen hat, gibt es Probleme.“

Hat sich die Szene gewandelt?

„Also im Untergrund ist das schon noch eine Gemeinschaft. Aber je mehr man erreicht, desto
einsamer wird es. Irgendwann kommt die Missgunst. Solange alle pleite sind, ist alles geil. Sobald einer mehr als die anderen hat, gibt es Probleme. Darum glaube ich auch, dass die Jungs in der Rap-Szene heute alle Stress miteinander haben. Eigentlich könnten alle chillen und ihr Geld ausgeben, aber sie wollen sich stressen.“

Wie haben die Rapper denn auf dich reagiert?

„Das ist das Verrückte: Ich bin nie gedisst worden. Zum einen haben viele die Texte meiner englischen Songs nicht verstanden und nur auf den Flow geachtet. Aber auch später haben sie mich in Ruhe gelassen. Ich habe oft gehört: ‚Alle Frauen in dem Bereich sind scheiße, nur du bist geil'. Na ja. Dadurch habe ich auch keinen Echo gewonnen...“

„90 Prozent der Rapper sind anders, wenn die Kamera aus ist. Ein paar von denen sind sogar Veganer.“

Geht man da als respektierte Rapperin mal zu seinen männlichen Kollegen und spricht mit ihnen über die zum Teil sexistischen Texte?

„Ich habe nicht angefangen zu rappen, um politische Botschaften zu verteilen. Es tut mir voll leid, dass Frauen so hart diskriminiert werden. Aber auf der anderen Seite bin ich ein Beispiel dafür, dass es nicht so sein muss. Wenn du Talent hast, ist es egal, welches Geschlecht du hast. Dann bist du einfach nur Rapper.“

Sind denn die Künstler, die solche Texte rappen, privat komplett anders?

„Das ist ganz oft so. Es geht ja viel um Entertainment. Was kann ich sagen? Was provoziert? 90 Prozent der Rapper sind anders, wenn die Kamera oder das Mikrofon aus ist. Ein paar von denen sind sogar Veganer. Das dürfte man nie erfahren. Aber die sind alle chillig und werden ja auch älter. Sind verheiratet, haben Kinder.“

Was waren zu Beginn deine musikalischen Vorbilder?

„Lauryn Hill, Missy Elliott. Aber auch Mariah Carey und Destiny's Child. Die meisten waren Frauen. Der Krasseste ist aber Kool Savas. Auf meinen König lasse ich nichts kommen.“

Und außerhalb der Rap-Szene?

„Prince auf jeden Fall. „Purple Rain“ ist der krasseste Song, der je geschrieben wurde. Michael Jackson natürlich. Aber ich bin auch Opern-Fan. Ich liebe Maria Callas. Da kriege ich genauso viel Gänsehaut wie bei Beyoncé.“

„Als Sido merkte, dass ich in meinem Job langsam den Verstand verlor, nahm er mich mit auf Tour“

Du hast jahrelang beim Radio moderiert. Welchen Einfluss hatte das auf deine Karriere?

„Gar keinen. Ich habe Leute wie 50 Cent kennengelernt. Das war geil, hat mich aber musikalisch nicht weitergebracht. Ich kannte Sido schon lange vorher und war mit ihm 2005 im Studio. Erst viel später hat er mich als Background-Sängerin mit auf Tour genommen. Als er merkte, dass ich beim Radio langsam meinen Verstand verlor.“

Was war so schlimm?

„Immer die gleichen Lieder. Mich hat auch genervt, dass ich immer rappen sollte, sie meine Songs aber nie gespielt haben. Und nach elf Jahren braucht man auch mal einen Tapetenwechsel. Irgendwann wird es halt langweilig. Radio ist geil, aber auf Tour gehen und auf der Bühne stehen, ist tausend Mal geiler.“

Amanda
WENN DU TALENT hast, ist es egal, ob du Mann oder Frau bist. Dann bist du einfach Rapper, sagt Amanda

Du hast deine Zeit als Background-Sängerin angesprochen. Wie kann ich mir einen Tag auf Tour mit Sido vorstellen?

„Wir waren 2014 sechs Wochen am Stück unterwegs, das hatte ich vorher noch nie gemacht. Wir haben die zwei Wochen davor jeden Tag zwölf Stunden in Berlin geprobt. Ein Mitspracherecht hatten wir nicht. Siggi sagt genau, was Sache ist, und dann macht man das auch so. Aber man ist halt Teil dieses ganzen Spektakels. Mit Security, Catering, Tourbus und so weiter. Jeder passt auf den anderen auf. Wenn jemand krank ist, kochen die anderen Suppe. An freien Tagen haben wir Gotcha gespielt oder sind ins Restaurant gegangen. Siggi achtet extrem auf diesen Teamgedanken.“

Wie sind im Gegensatz dazu US-Stars wie Kanye West oder LL Cool J drauf, vor denen du auch schon gespielt hast?

„Kanye West habe ich kein einziges Mal gesehen. Ich habe die Vorband gemacht, aber es war nicht möglich, ihn kennenzulernen. Er war immer von 185.000 Bodyguards abgeschirmt, die nicht mal geredet haben. So wurde man behandelt. Aber LL Cool J habe ich getroffen. Der war supernett und auch daran interessiert, wer seine Vorgruppe ist. Kanye war das alles egal.“

Die Tourneen mit Sido haben dir dann so gut gefallen, dass du deinen Radiojob geschmissen hast. Plötzlich waren Job und Geld weg...

„Ja, so war das. Wir waren zum Abschluss 2015 in Köln. Andreas Bourani kam als Special Guest vorbei. 10.000 Leute in der Halle. Das war für mich so ein krasser Film, dass ich dachte: Für nichts auf der Welt gehe ich in zwei Wochen wieder ins Office. Ich kann das nicht. Und ich bin dann auch nicht mehr zur Arbeit gegangen und wurde an Heiligabend gekündigt. In dieser Zeit habe ich dann auch die Idee zu „Blau“ gehabt.“

Und es kam Mark Forster ins Spiel...

„Genau. Mark kannte ich über Sido. Er war damals auf Teneriffa, um sein Album „Tape“ aufzunehmen. Wir haben telefoniert und ich habe ihm erzählt, dass ich meinen Job geschmissen habe und ein paar Wochen nach London will, um da Musik zu machen. Er fragte, ob ich bekloppt sei. Ich hätte doch gar kein Geld dafür. Dann hat er mir angeboten, zusammen ein paar Tracks zu schreiben, um damit mein Glück zu versuchen. Im Endeffekt ist daraus ein ganzes Album geworden – und Mark mein Mentor.“

So kam Amanda zum Vorschein?

„Ja, das fühlte sich so echt an. Ich, Amanda, habe meinen Job gekündigt und alles auf eine Karte gesetzt. Das war nicht She-Raw, das war ich. Da wurde mir klar, dass ich mich so nennen will, wie mich meine Eltern genannt haben.“

Und aus Rap wurde Pop, aus Englisch Deutsch...

„Genau. Diese Vorstellung hatten Mark und ich von Anfang an. Ich habe vorher gerappt, gesungen, mal schnell, mal langsam. Die Leute konnten mich in keine Schublade stecken. Aber genau das wollen sie.“

Wie streng ist Mark als Mentor?

„Er ist nicht streng, aber sehr realistisch. Ich träume von roten Teppichen und schicken Kleidern. Er sagt: Nee. Auf Tour gehen, zweites Album rausbringen. Er sagt das aber voll lieb. Ich war noch nie sauer auf ihn.“

Kann er rappen?

„Er kann nicht so gut rappen, aber geile Rap-Texte schreiben. Er kann gut reimen. Ich glaube, man könnte seine Texte auch super rappen.“

Mit wem würdest du dich gern mal auf 'ne Coke treffen?

„Justin Timberlake. Ein Jugendidol. Ich liebe die Mucke und seine Bühnenpräsenz. Ich würde ihn darüber ausfragen und alles kopieren.“


Fünf Lieblingssongs von Amanda:

1) Prince: „Purple Rain“
„Ein episches Stück Musikgeschichte.“

2) Boyz II Men: „End of the Road“
„Ein Klassiker, den ich immer hören kann. Da war ich das allererste Mal verliebt. Aber ich habe ihn nicht interessiert.“

3) Amanda feat. Sido: „Blau“
„Weil es meine erste erfolgreiche Single ist.“

4) Missy Elliott: „Get Ur Freak On“
„Einer der wenigen weiblichen Rap-Tracks, die ich mal im Club gehört habe.“

5) Sido: „Mein Block“
„Weil ich Berliner Lokalpatriotin bin und ich auch vom ersten bis zum 16. Stock chille.“

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