AUF ZUCKER VERZICHTEN? Das klingt nach einem typischen Vorsatz für die Fastenzeit und ist vor allem eins: schwierig. Denn unsere ganze Welt ist aus Zucker, er ist der Baustein allen Lebens. Eine Ausstellung im Deutschen Technikmuseum in Berlin zeigt: Zucker ist viel mehr als ein Süßungsmittel.

Im Eingangsbereich eine japanische Riesenkrabbe, eine Baumscheibe, ein Blätterdach, Insekten, ein 3D-Drucker: Keine Zuckerdose weit und breit. Wer dachte, es gehe in der Ausstellung „Alles Zucker! Nahrung – Werkstoff – Energie“ in erster Linie um das Süße, merkt schon auf den ersten Metern, dass es einiges dazuzulernen gibt. 

Zuckerhut
ZUCKERHUT der Raffinerie Rositz aus dem Jahr 1888

„Die Zucker“ statt „der Zucker“

Zucker, so geht es schon mit der Begrifflichkeit los, existieren für den Fachmann vor allem im Plural. Dr. Volker Koesling, der die Ausstellung mitgestaltet hat und von Hause aus Chemiker ist, spricht nicht von „dem Zucker“, sondern von „den Zuckern.“ Es geht um Glukose, Zellulose, Chitin, Milchzucker, Malzzucker, Fruchtzucker. „Die ganze Welt besteht aus Zucker,“ sagt Koesling. Und er übertreibt nicht.

Eine Pflanze nutzt die Energie der Sonne, um aus Kohlendioxid und Wasser Glukose herzustellen, also Traubenzucker. Aus diesem Traubenzucker wird in den pflanzlichen Zellen Zellulose, ein Polymer, ein mehrkettiger Zucker. Zellulose ist der Hauptbestandteil des Baums, er besteht – vereinfacht dargestellt – Blatt für Blatt und Jahresring für Jahresring aus Zucker. Wenn Menschen nun das Holz verbrennen um Wärme und Licht zu erzeugen oder daraus Papier herstellen, nutzen sie nichts anderes als die in den Zuckerverbindungen gespeicherte Energie.

Etwa 80 Prozent der Biomasse auf der Erde ist Zucker.


Algen im Biorekator
SONNE im Tank: Algen produzieren Treibstoff

Etwa 80 Prozent der Biomasse auf der Erde ist Zucker, erklärt Koesling. Das macht die Ausstellung im Technikmuseum eindrucksvoll klar. Aber nicht nur das. Zucker ist Biologie, Politik, Medizin, Forschung, Kolonialgeschichte. Zucker ist auch Klang. An einer Medien-Station können sich Besucher anhören, wie Insekten mit ihren Chitinpanzern die unterschiedlichsten Geräusche erzeugen. Chitin ist ein Zuckermolekül. Das Außenskelett der Insekten und vieler Meeresbewohner ist also nichts anderes als Zucker. Deshalb begrüßt den Besucher auch – zur großen Freude sämtlicher Schulklassen – die schon erwähnte fast zwei Meter große japanische Riesenkrabbe: ein Körper, der durch Zucker zusammengehalten wird.

Zukunft Zucker

Von den Insekten kommt der Besucher in eine weniger spektakulär aussehende aber umso spannendere Ecke der Ausstellung. Hier wird gezeigt, in welchen Bereichen Zucker in Zukunft die begrenzte Ressource Erdöl ersetzen kann. Kunststoffe aus Zucker sind übrigens keine Zukunftsmusik. Die gute alte Filmrolle bestand schon genauso aus Zucker wie Computertastaturen oder Brillengestelle.

Und es gibt noch mehr zu entdecken: Wie Algen unter simpelsten Bedingungen Energie produzieren. Oder warum ein Auto theoretisch genauso mit Zuckerverbindungen betrieben werden kann, wie der menschliche Körper mit Traubenzucker. A propos menschlicher Körper: Jede unserer Körperzellen ist von einem „Zuckerpelz“ überzogen, der wichtige Informationen in sich trägt. Deshalb entdeckt auch die medizinische Forschung Zucker mehr und mehr für sich, wie ein Bereich der Ausstellung zeigt.

Zucker ist Biologie, Politik, Medizin, Forschung, Kolonialgeschichte. Die ganze Welt besteht aus Zucker.


Japanische Riesenkrabbe
NICHT WIRKLICH süß: Die japanische Riesenkrabbe wird bis zu zwei Meter groß

Natürlich geht es nicht nur um Biosprit, Zellencodes und Chitinpanzer. Es geht auch um die Saccharose, den bekannten Haushaltszucker. Auch über den gibt es Überraschendes zu erfahren. In Europa zum Beispiel tauchte Zucker um 1100 nach Christus als Gaumenkitzel für den Hochadel auf.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kam er in anderen Gesellschaftsschichten an. Eine große Rolle spielt die Entdeckung der Zuckerrübe und die Herstellung von Haushaltszucker aus Zuckerrohr und -rübe. Auch mit Vorurteilen wird ganz nebenbei aufgeräumt. Niemand wird die Ausstellung besuchen ohne zu lernen, dass der gerne genutzte Begriff „Industriezucker“ schlicht falsch ist. Zucker, in der uns bekannten Form, ist immer ein Naturprodukt.

 

Deutsches Technikmuseum
Trebbiner Straße 9
10963 Berlin
Telefon: 030 / 90 254-0 

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 9.00 - 17.30 Uhr

Samstag / Sonntag 10.00 - 18.00 Uhr

Montag geschlossen

http://www.sdtb.de/Technikmuseum.3.0.html