Kind und Karriere? Kann ich, denken viele Frauen. Doch was sie wirklich erwartet, wenn Konferenzen und Zahnungsschmerzen zusammenkommen, wenn Kita-Ferien die Urlaubsplanung bestimmen und Kita-Viren alles hinfällig machen, das sagt einem natürlich keiner. Komisch, findet Hermin – und erzählt einmal im Monat aus ihrem Leben zwischen Coke, Kind und Chaos. Heute verabschiedet sie für eine längere Pause: in die Elternzeit.

Mama-AG – Bullerbü
HELIKOPTER überflüssig: Nicht nur in Bullerbü landen die Kinder meist allein auf den Füßen

ES WAR irgendwann im letzten Herbst. Trotzdem rege ich mich heute noch auf. Bei „Spiegel Online“ erschien ein Artikel mit dem schönen Titel: „Mütter, kommt endlich raus aus Bullerbü“. Eine Autorin meinte, dass Mütter in der Elternzeit verweichlichen und danach für die harte Arbeitswelt nicht mehr geeignet sind. Weil sie vom Dinkelkekse-Backen und Heile-Welt-spielen so im Perwoll-Modus hängenbleiben, trauen sie sich nicht mehr in die Ellenbogen-Jobs, sondern eröffnen aus lauter Harmonie-Sucht lieber einen Online-Shop mit selbstgenähten Bio-Klamotten. Da sitzen sie dann zuhause und nähen in Pastellfarben, wenn sie nicht gerade helikoptermäßig über ihrem schaukelnden Kind kreisen und werden immer weicher, immer abhängiger vom Mann und immer sicherer ein Fall für die Altersarmut. Haben wir irgendein Klischee vergessen?

Die Bullerbü-Debatte

Nun stammte der Text von zwei Frauen, die eine Coaching-Agentur für Frauen in der beruflichen Neuorientierung betreiben. PR in eigener Sache also. Netter Versuch. Der Artikel blieb aber nicht ohne Folgen. Im Netz wurde heftig diskutiert. Zum Beispiel hier. Vieles wurde gesagt und geschrieben und vieles davon ist richtig. Trotzdem rege ich mich immer noch darüber auf. Auch wenn die Autorin hier deutlich differenzierter einiges sagt, wo ich ihr wirklich zustimmen muss. Aber: Artikel wie dieser zementieren Klischees, die keiner brauchen kann. Und Klischees führen dazu, dass Umstände sich nicht ändern. Das müssen sie aber. 

In Bullerbü kommen Eltern so gut wie nicht vor. Die Kinder sind wild und frei.



Das schiefe Bild von Bullerbü

Was mich auch nervt, ist die Metapher: In „Wir Kinder aus Bullerbü“ kommen so gut wie keine Eltern vor. Die Kinder spielen den ganzen Tag, sie sind wild, sie sind frei, sie haben einen Radius, von dem die im Artikel beschrieben nur träumen können. Bullerbü ist das Gegenteil des kritisierten Zustands. Die Kinder leben auf einer Insel (Wasser! Ertrinken!), haben einen großen Hund (Keime! Beißen!), klettern auf Bäume und Heuböden (Runterfallen! Allergien!), spielen (zu wenig Frühförderung!) in der Sonne (Sonnenbrand!) und im Regen (Erkältung!). Sie gehen nicht zum Pekip, sie haben keine Nachhilfe, sie klopfen sich die Hose ab, wenn sie hinfallen. Ich wünsche allen Eltern und Kindern ein bisschen mehr Bullerbü.

Babys in Watte packen? Ja was denn sonst?

Mama-AG – Bullerbü
DAS LEBEN ändert sich: Durch Kinder kann man für die Karriere lernen

Aber zurück zum Thema. Ist es wirklich so, dass Mütter in der Elternzeit verweichlichen? Vielleicht stimmt das ein bisschen. Das ist aber nicht schlimm. Es kann nämlich wunderschön sein, ein Jahr oder auch länger mit einem Wesen in einem Kokon zu leben, alles Schlechte und Harte von ihm fernzuhalten und festzustellen: Die Arbeitswelt dreht sich trotzdem weiter. Auch ohne mich! Aber diesem kleinen Jungen hier geht es nur deshalb so großartig, weil ich mich mit Unterstützung seines Vaters Tag und Nacht um ihn kümmere. Da kann eine Mutter schon mal vor lauter Rührung und Dankbarkeit ein bisschen verweichlichen. Und es mag auch sein, dass der ein oder anderen Mutter der Weg zurück in die Arbeitswelt erst einmal hart vorkommt. Warum auch nicht? Nach sechs Wochen Sommerferien fand ich das frühe Aufstehen und Stillsitzen auch unzumutbar. Abitur habe ich trotzdem gemacht.

Es ist in Ordnung, nicht in die 70-Stunden-Mühle zurückzugehen, wenn man sein Kind aufwachsen sehen will.


Natürlich finde ich es schade, wenn erfolgreiche Frauen nach der Elternzeit nicht wieder in den alten Job zurück wollen. Aber der Job muss zum Menschen passen und Menschen verändern sich. Blöd ist nur, dass unsere Arbeitswelt diese eher simple Weisheit nicht umsetzen kann. Lebensumstände ändern sich. Es ist in Ordnung, wenn eine Mutter sich entscheidet, nicht in die 70-Stunden-Mühle zurückzugehen, weil sie ihr Kind aufwachsen sehen will. Und es ist verantwortungsvoll, wenn sie nicht auf Fehlzeiten kalkuliert, sondern weiß, dass sie mit einem Kleinkind, das gelegentlich Infekte ausbrütet, einem Vollzeitjob einfach nicht gerecht wird.

Eine Freundin von mir bewirbt sich gerade auf qualifizierte Teilzeitstellen. Sie wird jedes Mal eingeladen. Und sie wird jedes Mal als überqualifiziert abgelehnt. Warum glauben Personaler, diese intelligente, erfahrene Frau habe sich nichts überlegt, als sie ihre Bewerbung abschickte? Sie will gerade keine Führungsverantwortung, sondern einen interessanten Dreivierteljob. Vielleicht geht in drei Jahren wieder mehr. Wenn die Arbeitswelt sie dann noch lässt. Wer kann sich darüber wundern, wenn die Mütter Dawanda die Bude einrennen und anfangen für ein Taschengeld Babymützen zu stricken? 

Vorher war ich unerschrocken. Aber heute habe ich Nerven aus Stahl.


Ich glaube nicht, dass ich im Verdacht stehe, ein beruflicher Warmduscher zu sein. Das war vor der ersten Elternzeit nicht so, das wird auch nach der zweiten nicht so sein. Ich mag klare Ansagen, ich will Leistung sehen, ich will, dass Dinge funktionieren und das kann ich auch ausdrücken. Da ist nicht viel mit Wattebäuschchen. Nach der ersten Elternzeit habe ich aber tatsächlich eine Veränderung festgestellt: Ich wollte alles noch effektiver haben! Meine Arbeitszeit war kürzer und wertvoller geworden. Ich habe keine Zeit mehr, Dinge zu wiederholen, in Meetings zu sitzen, in denen es nicht weitergeht und Small Talk am Kühlschrank zu halten.

Meine Prioritäten haben sich verändert. Und eins teile ich bestimmt mit den meisten arbeitenden Müttern: Vorher war ich unerschrocken. Aber heute habe ich Nerven aus Stahl. Wer es mal erlebt hat, wie ein Kind sich drei Tage lang übergibt, kann sich über viele Dinge im Job einfach nicht mehr aufregen. Auf dieses Potenzial junger Mütter sollte kein Arbeitgeber der Welt freiwillig verzichten. Also: wir brauchen kreative Teilzeitlösungen, weniger Klischees und nach Feierabend jede Menge Bullerbü!