Ernst Fritz-Schubert, Pädagoge und Initiator des Schulfachs "Glück“ ist Mitglied im Expertenbeirat des Happiness Instituts. Seiner Meinung nach sollten Kinder nicht nur die Anforderungen des Schulalltags erfüllen – es geht auch darum, früh Stärken und Schwächen zu kennen. In seinem Schulfach Glück werden Schlüsselerlebnisse geschaffen, die zu positiven Erfahrungen führen. Ziel ist es, eine starke Persönlichkeit zu entwickeln.

Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern geht es Kindern in Deutschland gut – trotzdem sind sie oft unzufrieden. Nach der aktuellen internationalen UNICEF-Vergleichsstudie zur Lage der Kinder in Industrieländern liegt Deutschland auf Platz sechs. Verglichen wurden Lebensbedingungen wie relative Armut, Gesundheit oder Bildung. Im Kontrast dazu steht die eigene Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen. Bewertet man die Lebenszufriedenheit, belegt Deutschland Platz 22 von insgesamt 29 Plätzen. Ein erschreckendes Ergebnis, findet Ernst Fritz-Schubert. „Kinder kommen glücklich auf die Welt und es ist unsere Aufgabe, dieses Glück zu erhalten. Dabei geht es vor allem darum, sie vor den Faktoren zu schützen, die sie unglücklich machen – wie Angst und Stress.“ Mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen bei der Entwicklung einer starken Persönlichkeit zu helfen, hat Ernst Fritz-Schubert 2007 das Schulfach Glück ins Leben gerufen.
Lauras Stärken
Mitschüler listen auf, was sie aneinander schätzen. Hier: Lauras Stärken-Zettel


Glücklichsein in sechs Phasen

Das Fach Glück ist sehr erlebnisorientiert: Durch praktische Übungen sollen Schüler herausfinden, was wichtig für sie ist, was ihre Stärken sind und was Familie für sie bedeutet. Sie entwerfen Pläne, überlegen, wie man diese realisiert und arbeiten an ihren Fähigkeiten. Die Schüler lernen, mit Erfolgen und Niederlagen umzugehen und bilden dadurch eine starke Persönlichkeit. Dies geschieht in sechs Phasen.
Stärken definieren, Entscheidungen treffen und Pläne schmieden

In der ersten Phase sollen sich die Schüler ihrer Stärken bewusst werden. „Die Schüler machen sich zum Beispiel gegenseitig Komplimente. Diese Komplimente können ganz unterschiedlich ausfallen, von ‚Du bist ein guter Freund’, bis ‚Du lässt mich immer abschreiben’“, so Ernst Fritz-Schubert. „Schüler werden so zu Schatzsuchern in eigener Sache, zu Schatzsuchern der Stärken.“ In der zweiten Phase entwickeln sie Visionen. Durch meditative Übungen sollen sie in ihren Träumen entdecken, was im Leben wichtig ist und Herzenswünschen auf den Grund gehen. Im nächsten Schritt lernen die Schüler Entscheidungen zu treffen. „Auf einer Skala von eins bis zehn sollen sie sich selbst bewerten und überlegen, warum sie dort stehen und wie vermeintliche Hindernisse als Fähigkeiten interpretiert werden können.“ In Phase vier werden Pläne geschmiedet. Dabei steht die Frage, ob alle Pläne überhaupt immer erfüllt werden müssen, im Mittelpunkt. „Wenn ich beispielsweise im falschen Zug sitze, muss ich nicht bis zum Ende sitzen bleiben. Ich kann mittendrin aussteigen!“ Mit den erarbeiteten Konsequenzen und solchen Szenarien lernen die Schüler, ihre Entscheidungen zu reflektieren. Nach der Theorie kommt die Praxis mit der Phase fünf - der Flow. „Um vollkommen fokussiert zu sein, muss man vor allem entspannt sein. Man darf weder Angst haben, noch verkrampft sein,“ sagt Ernst Fritz-Schubert. In der letzten Phase geht es um eine Bewertung der vorangegangenen Phasen, um das seelische Wohlbefinden. „Dabei ist es wichtig, zwischen der Person und dem Ereignis zu trennen, damit man zum Beispiel Niederlagen auch als Ansporn deuten kann.“
Erfahrungen fürs Leben

Mit dem Ziel, die Lebensqualität zu steigern, verfolgt der Unterricht einen ganzheitlichen Ansatz, der weit über das Schulleben hinaus geht. „Die Schüler sollen Vertrauen aufbauen“, sagt Dominik Dallwitz-Wegner, der selbst ein Jahr lang das Fach Glück in Hamburg unterrichtet hat. Dabei spielt Authentizität eine große Rolle. Durch Übungen werden Schlüsselerlebnisse geschaffen, die zu positiven Erfahrungen führen. „Zu Beginn der Stunde begrüße ich beispielsweise jeden einzelnen Schüler mit Handschlag. Dies war rückblickend für die Schüler eine der schönsten Erfahrungen – als Individuum in der Schule wahrgenommen zu werden.“ Grundsätzlich ist das Feedback der Schüler sehr positiv. Das Fach Glück wird mittlerweile an mehr als 100 Schulen und Kindergärten in Deutschland und Österreich angeboten. Gerade als Wahlfach in der Oberstufe erfährt es großen Zulauf.